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Bruno Ganz zum Siebzigsten : Die Verwandlung von Wissen in Schein

Fast wäre er ein Engel geblieben, aber dann wurde Bruno Ganz das Gesicht des deutschen Autorenfilms und nach Charlie Chaplin der überzeugendste unter den Hitler-Darstellern. Heute, am Dienstag, feiert der Schweizer Weltstar seinen siebzigsten Geburtstag.

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          Er hat sich vor der Rolle gefürchtet. Aber er hat sie gespielt. Und nun geht sie ihm nach wie ein Gespenst. Wenn man bei youtube, diesem visuellen Papierkorb des Zeitgeists, das Stichwort „Hitler“ eingibt, bekommt man Filmclips mit Bruno Ganz serviert. Sieben Jahre ist es jetzt her, dass er den zerbrechenden Diktator, den Unhold im Führerbunker, den ignoranten Wahnsinnigen in Oliver Hirschbiegels „Untergang“ gegeben hat, und der Strom der Parodien, der Überschreibungen und Zitate reißt nicht ab.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Längst ist der grausige Greis mit den Parkinson-Fingern und der feuchten Aussprache, der dem Ästheten Ganz schon als Erscheinung zuwider war (“der Bewegungsablauf stinkt, diese unsteten Augen stinken“), zur Figur des kollektiven Bildergedächtnisses geworden. Für Millionen Kinozuschauer trägt Adolf Hitler die Züge von Bruno Ganz, und es sieht nicht danach aus, als würde sich das bald ändern, schon deshalb, weil Ganz mit Hitler etwas gelungen ist, was so schnell kein anderer deutschsprachiger Schauspieler nachmachen kann.

          Das Wunder der Verwandlung

          Denn hier, im „Untergang“, ebenso wie in seinen anderen großen Kinorollen ist Bruno Ganz das Gegenteil eines Intuitionskünstlers. Er schleudert die Figur nicht aus sich heraus, wie es die Jünger der Strasberg-Schule tun, sondern baut sie Stück für Stück aus ihren Macken und Malaisen auf, und es gibt keinen Moment, in dem er die Kontrolle über diesen Konstruktionsprozess verliert. Selbst wenn er als Hitler außer Fassung gerät, wenn er seine Generäle niederschreit, mit der Faust auf den Tisch haut und mit umkippender Stimme „Fegelein!“ brüllt, ist Ganz volkommen bei sich selbst.

          Er hat sich den Diktator nicht einverleibt, sondern ihn wie einen perfekt sitzenden Anzug für sich maßgeschneidert - aus Büchern, Filmen, Fotos, Plattenaufnahmen, Krankenberichten. Dass er dabei keine Puppe gebiert, sondern ein Wesen aus Fleisch und Blut, ist das ewige Wunder des Schauspielers Bruno Ganz: das Wunder der Verwandlung von Wissen in Schein.

          Er hat alles gespielt

          So war es schon, als Bruno Ganz vor dreißig Jahren das Gesicht des deutschen Autorenfilms war, in Reinhard Hauffs „Messer im Kopf“ und Werner Herzogs „Nosferatu“, bei Peter Handke (“Die linkshändige Frau“) und Volker Schlöndorff (“Die Fälschung“). Die Menschen, die er da spielte, waren nie ganz von dieser Welt, sie lagen mit Hirnschäden im Krankenhaus oder landeten - wie der Held in Wolfgang Petersens Schachspielerdrama „Schwarz und Weiß wie Tage und Nächte“ - ausgebrannt in der Psychiatrie, sie zogen nach Transsylvanien oder in den Bürgerkrieg im Libanon und kamen doch aus dem Staunen über sich selbst nicht heraus.

          Am besten kommt diese Weltfremdheit in der Figur des Rahmenmachers Jonathan zum Ausdruck, des Helden im „Amerikanischen Freund“ von Wim Wenders: Weil er todkrank ist, wird er zum Mörder; aber als er die Tat begangen hat, will er leben, selbst um den Preis, abermals zu töten. In dieser Rolle, scheint es, gab Bruno Ganz mehr von sich preis, als er sonst im Kino oder im Theater (wo er seit den sechziger Jahren alles gespielt hat, wovon ein Schauspielschüler träumt, von Tasso bis Faust, von Hamlet bis Homburg, von Prometheus bis Ödipus) zeigen will.

          Phantome der Leinwand

          So war es konsequent, dass Wenders ihm auch den Part des Engels Damiel in „Der Himmel über Berlin“ gab, des Unsterblichen, der sterblich, des Geistwesens, das zum Lebewesen werden will. Die Maskenhaftigkeit gehört hier zu seiner Figur, aber als Damiel sie ablegen muss, als die Bilder von Schwarzweiß in Farbe kippen und eine irdische Liebesgeschichte beginnt, da spürt man, wie es im Räderwerk der Ganzschen Ausdruckskunst zu knirschen beginnt.

          Fast wirkt es, als wäre er lieber Engel geblieben. In den Jahren zwischen dem „Himmel über Berlin“ und dem „Untergang“ hat Bruno Ganz einige seiner schönsten Rollen gespielt, den Schriftsteller Tüverlin in der Feuchtwanger-Verfilmung „Erfolg“, den Kellner Fernando in Silvio Soldinis Romanze „Brot und Tulpen“, den alten Alexander in „Die Ewigkeit und ein Tag“ des Griechen Theo Angelopoulos, aber eine filmische Ikone wie der Rahmenmacher Jonathan und der Engel Damiel war nicht dabei. Erst mit Hitler fand er wieder eine Rolle, die ihn zwang, sein Metier auf die Spitze zu treiben. Es sind die Figuren am Rande des Unwahrscheinlichen, die Phantome der Leinwand, in denen dieser Schauspieler groß ist, nicht die Alltagshelden, die er aus dem Handgelenk holt.

          Seither ist Bruno Ganz ein Weltstar. Allein in diesem Jahr war er in drei verschiedenen Filmen zu sehen, als Stasi-Offizier in „Unknown“, als Ehemann von Senta Berger in „Satte Farben vor Schwarz“, als weiser Greis in „Das Ende ist mein Anfang“. Und irgendwann wird auch der Führerbunker nur noch eine Etappe seiner Karriere sein. Am morgigen Dienstag wird er siebzig Jahre alt.

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