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Brunetti alias Uwe Kockisch : Dieser Schauspieler scheint wie geschaffen für den Commissario

Der Mann ruht in sich. Er hat seine Mitte gefunden. Wie er geht, wie er steht, wie er spricht, mit den anderen lacht, beiseite tritt und telefoniert - das ist der italienische Commissario Brunetti, wie er im Buche von Donna Leon steht. Bisher war Joachim Król sein Darsteller. Künftig aber wird er von Uwe Kockisch verkörpert.

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          Der Mann ruht in sich. Er hat seine Mitte gefunden. Wie er geht, wie er steht, wie er spricht, mit den anderen lacht, beiseite tritt und telefoniert, wie er einem Kollegen zuzwinkert und winkt, der gerade vorbeikommt, wie er gestikuliert, wie er geschmeidig, aber kraftvoll beim Reden mit den Händen arbeitet, wie er zuhört und seinem Gegenüber dabei in die Augen blickt, das alles zeigt, daß er angekommen ist. Er steht am Bug des Polizeiboots, das auf den Hafen zubraust, der blaue Maßanzug glänzt in der prallen Maisonne, ein italienischer Napoleon, der zu Wasser die Parade abnimmt. Commissario Brunetti läuft ein, der venezianische Mordsermittler, den die amerikanische Schriftstellerin Donna Leon erfand für Leser ihres und vor allem dieses Landes.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Der ihn heute so selbstverständlich spielt wie an so vielen Tagen zuvor, ist Uwe Kockisch. Der aus Cottbus stammt, in Theater, Film und Fernsehen schon so viele kantige Figuren gegeben und sich nun tatsächlich in einen Commissario verwandelt hat, dem die Einheimischen Respekt zollen. Beim Gemüsehändler und im Cafe wird Kockisch wie ein Eingeweihter behandelt. Er zahlt inzwischen sogar die Preise, zu denen die Venezianer selbst einkaufen gehen. In den vergangenen drei Monaten hat er die Stadt, in der er nur spielen soll, nicht verlassen. Er lebt hier. Und man hat den Eindruck, so schnell zieht es ihn von hier nicht weg. Doch er weiß: "Venedig ist ein Klischee, die Stadt ist eine einzige Kulisse."

          Diese Kulisse wiederum, die ihm zuerst Ehrfurcht gebot, ist ihm "zum Partner geworden". Zu einem Partner, der mit seiner Figur die Depression, die Melancholie, die Schwere teilt. Von der Vokabel "morbide", von dem abgegriffenen "morbiden Charme" etwa, will der Schauspieler aber nichts wissen und nicht sprechen. "Es ist diese süßliche Empfindung der Vergänglichkeit, die einen auf Schritt und Tritt begleitet", sagt Uwe Kockisch. Sein Commissario Brunetti, soviel sieht man schon in der ersten Szene, hat dieses Wissen auch um die eigene Vergänglichkeit verinnerlicht und atmet es aus: "Er ist langsam, bedächtig und phasenweise einfach depressiv", sagt Kockisch über Brunetti. Diesen zu spielen habe ihn besonders gereizt, um "die inneren, die Welten im Kopf der Figuren der Donna Leon" darzustellen. Gelingt ihm dies, ohne dabei in Bedeutungsschwere zu erstarren, was wir erst nach dem Schnitt des Films im Herbst wissen, könnte der Film vielleicht sogar die Klischees vergessen machen, welche Donna Leons Buchvorlage selbst über Venedig und über anderes verbreitet. Die Statur dazu hat der neue Darsteller, der in dieser Rolle Joachim Krol abgelöst hat, auf jeden Fall.

          "Die venezianischen Fischer spielen, so wie es gute Schauspieler erst nach Jahren können - auf den Punkt genau. Nur wenn man ihnen Anweisungen gibt, dann ist es vorbei, dann werden sie sofort theatralisch." Uwe Kockisch wandert wie ein kleiner König durch die Szene, auch wenn nicht gedreht wird. Er muß sich nicht aufspielen, um im Mittelpunkt zu stehen. Und wenn er von seiner Rolle, vom Dreh, vom Team, von den Statisten spricht, dann hat das so gar nichts Gestelzt-Starhaftes, wie es einem Hauptdarsteller schnell zufallen könnte. Dem Mann geht es wirklich um etwas, er will nicht wie ein Fremder durch die Gegend laufen und so tun, als ob.

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