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„Captain Marvel“ im Kino : Du solltest das Feuer im Auge behalten

Sie sieht aus, wie sich Madonna immer anhören wollte: Brie Larson als Carol Danvers brennt mit einem Blinzeln Löcher ins Universum. Bild: Disney-Marvel Studios

Hier amüsieren sich auch Leute, die schon alles gelesen und geguckt haben, nicht unter Niveau: „Captain Marvel“ schickt Brie Larson los, um die Welt vor außerirdischen Gestaltwandlern zu retten.

          Vor ihrem ersten Nahkampf auf der Erde pustet sie sich eine Haarsträhne genau so aus dem Gesicht, wie das Clint Eastwood zu seiner besten Zeit getan hätte, wäre er damals eine Blondine gewesen. Die Frau heißt Carol Danvers, aber das erfährt sie in diesem Film erst spät. Sie hat den Namen vergessen, anders als viele Fans von Marvel-Superheldencomics, denen er seit den ab 2013 von Kelly Sue DeConnick geschriebenen neuesten Abenteuern der Figur so lieb ist wie James-Bond-Begeisterten die Zahlenreihe „007“.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Als Superheldin heißt Frau Danvers „Captain Marvel“, wie der Film, der sie jetzt ins Kino holt, wo man seit „Iron Man“ von 2008 den Marvelcomic-Popmythenbestand mit starken Händen schwer profitabel gemolken hat. In ein paar Wochen erreicht der Erzählbogen des „Marvel Cinematic Universe“ (MCU), das sich damals aufzublähen begann, seinen (gewiss in mancher Hinsicht nur vorläufigen) Höhe- und Endpunkt mit „Avengers: Endgame“.

          Qualitätspersonal liefert Premiumdienstleistungen

          Diesem Schlussbrocken rollt „Captain Marvel“ vorab einen Teppich aus, in dem man ein paar bislang fehlende Fäden der Vorgeschichte so miteinander verwoben hat, dass auf dem vom MCU gewohnten hohen technischen, dramaturgischen, humoristischen und tragischen Niveau alles passt und detoniert. Qualitätspersonal von Jude Law über Annette Bening bis Samuel L. Jackson liefert die gewohnten Premiumdienstleistungen, Brie Larson in der Titelrolle ist ein Edelstein mit weit mehr Facetten, als bei weniger engagierter Rollenauslegung möglich gewesen wären, und die Geschichte um die sogenannten Skrulls, außerirdische Gestaltwandler, die sich besonders gern da einschleichen, wo man sie nicht haben will, ist mit mehr Rückblenden und falschen Fährten bestickt, als die schlicht genähten Storykleidchen sonst zieren, in denen das Blockbusterkino seine Gut-gegen-böse-Lektionen üblicherweise unters Volk schickt.

          Skrulls: Außerirdische Gestaltwandler, die immer da sind, wo man sie nicht haben will.

          Das ethische Grundproblem der ganzen Superhelderei, nämlich die Vorstellung, Gerechtigkeit und Gewalt verhielten sich zueinander im Ernstfall allemal wie Zweck und Mittel, führt in der wirklichen Welt den geostrategischen Superhelden, die Vereinigten Staaten von Amerika, bekanntlich zu Abenteuern, bei denen von Irak bis Jemen die Menschenrechte mit modernster Waffentechnik herbeigetötet werden sollen. Dass man sich fragen kann, ob das so sein muss, kommt in „Captain Marvel“ immerhin gleichnishaft vor; eine Antwort darf man vom schönen Krawall allerdings nicht erwarten. Immerhin sagt einer der „Guten“ einmal, dass auch seine Hände vom Schmutz des Krieges befleckt seien.

          Ein lifestylecodierter Frauenemanzipationsschub

          Die Suche nach einem Feuer, das sie reinigen könnte, nimmt einen beachtlichen Teil des Films ein, auf Kosten schnurriger Ideen, die nicht voll ausgereizt werden, etwa einer aus DeConnicks Heften entnommenen Kleingroteske um eine Katze, die hier nicht wie in der Vorlage „Chewie“ heißt und deren Geheimnis auch nicht, wie dort, von Rocket Raccoon gelüftet wird, dem Waschbärgauner von den Guardians of the Galaxy. Überhaupt halten sich die Verbindungen ins restliche MCU in züchtigen Grenzen, damit auch Leute, die nicht schon alles gelesen und geguckt haben, sich amüsieren können.

          Dazu trägt nicht zuletzt der Soundtrack bei: „Celebrity Skin“ von Hole und „Just a Girl“ von No Doubt werden taktisch smart eingespielt, damit man sich erinnere: Das, was derzeit im Actionkino stattfindet, ein lifestylecodierter Frauenemanzipationsschub, fand in der Popmusik schon zu der Zeit statt, in der dieser Film spielt, in den Neunzigern.

          Weil’s an dieser Stelle passt, seien noch ein paar Worte über Buben verloren, die sich wegen der neuen Kinoheldinnen grämen, dass ihnen böse feministische Filmkonzerne ihre Comic-und-Star-Wars-Markenspielplätze wegnehmen wollen. Ja, Carol Danvers darf als Mädchen nicht auf der Kinderautorennbahn durchdrehen, muss sich als Erwachsene Herrenwitze übers „Cockpit“ anhören und wird von wildfremden Motorradidioten angebaggert. Aber diese Sexismuserlebnisse leisten in „Captain Marvel“ nicht Gleichstellungserziehung, sondern sind einfach Sonderfälle der Figuration „Heroismus findet nur gegen Widerstände zu sich“. Wenn sich Männchen vor der Leinwand damit nicht identifizieren können, weil sie selbst weder Mädchen noch Frauen sind, dann fragt sich doch, wann sie je adoptierte Wasserfarmer auf einem Wüstenplaneten (wie Mark Hamill als Luke Skywalker) oder Vollwaisen im Fledermauskostüm (wie Christian Bale als Batman) waren und wieso sie sich da reindenken und einfühlen können, aber nicht in die starke Schwester. Wirklich, Brüder, so wird das nichts mit dem Heldentum.

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