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Breloers Film über Albert Speer : Der Engel fährt zur Hölle

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Breloer: Die 8 ist der achte Buchstabe des Alphabets. 88 ist HH. Das hieß: Heil Hitler. Das wußten alle, die die 88 hatten.

Friedrich Wolters: Das erfahre ich jetzt. Vielleicht ist es auch ganz gut, daß ich es jetzt erst erfahre.

Man muß das Gesicht des Sohnes sehen und seine Stimme hören, wenn er das sagt. Die deutschen Fernsehzuschauer werden es sehen und hören. Doch man wird nicht nur diesen Sohn erleben. Man wird ältere, grauhaarige Herrschaften erleben, die sich allesamt als Söhne und Töchter und Neffen entpuppen. Sie kommentieren, wie das in Familien üblich ist, alte Farbfilme, die sie als Kinder beim Spielen zeigen.

Mit einem Code durchs Leben

Aber sie spielen auf dem Berghof, und der Herr, der sie da nicht nur tätschelt, sondern geradezu liebkost, heißt Hitler, und sie selbst sind die Kinder Albert Speers. Sie alle sind mit einer Art Kennzeichen durch ihr Leben gereist, einem Code, den sie jetzt erst, befragt durch Heinrich Breloer, buchstabieren können. Obgleich es Filme gibt, die sie auf der Terrasse von Hitlers Berghof zeigen, kann sich selbst der älteste, der damals elfjährige Albert Speer, nicht erinnern.

Breloer: Durften Sie mal Filme sehen am Berghof?

Albert Speer: Ja klar, Mickey Mouse.

Breloer: Die hat der „Führer“ sich dann auch angesehen.

Albert Speer: Ob der dabei war, weiß ich nicht.

Breloer: Fräulein Braun?

Albert Speer: Ja, auch Fräulein Braun und noch ein paar Leute waren da.

Die als Kinder eine phasenweise familiäre Nähe zu Hitler hatten, erinnern sich nicht an ihn, sondern an Micky Maus. Arnold Speer, der 1940 mit dem Vornamen Adolf geborene dritte Sohn von Hitlers Rüstungsminister, hat, wie er sagte, jede Kindheitserinnerung gelöscht. Albert Speer, der nach dem Vater benannt wurde und später dessen Beruf ergriff, hat 1945 mit dem Abschied vom Obersalzberg massive Sprechstörungen bekommen und Jahre gebraucht, die Traumatisierung zu überwinden. „Das waren“, sagt Breloer erläuternd, „ja alles die guten Onkel vom Berghof, die nun auf Giftkapseln bissen oder aufgehängt wurden, von denen man jetzt schreckliche Geschichten erfuhr.“ Der eigene Vater aber war von der Lichtgestalt, die er auf dem Berg war, zum Kriegsverbrecher geworden.

Die Helden dieses Films

Diese siebzigjährigen Kinder sind, wenn man versuchsweise das Wort verwenden darf, die Helden dieses Films. Sie haben über Jahrzehnte hinweg die Last zweier Leben tragen müssen. Es rächt sich, von Hitler getätschelt worden zu sein. Sie sind damit auch die Repräsentanten ihrer Generationen. Es ist auch die Generation Breloers, die Generation von Fest und Siedler, die das Glück hatten, aus unkorrumpierten Familien zu stammen.

Vielleicht war ein solcher Film vorher nicht möglich. Vielleicht haben die Kinder von einst jetzt erst das Bedürfnis zu erzählen. Offenbar hat sie niemand aufgeklärt über das, was sich ereignet hatte. Diese sechs- bis zwölfjährigen Kinder hatten keinerlei Hilfestellung, auch nur Erklärung für das, was nun geschah. Sie hätten, so erzählt Arnold Speer, zuhause nach 1945 mit der Mutter nie über all das geredet, nicht über Hitler und über die Verbrechen und die Schuld. Aber in der Schule, wenn das Wort Auschwitz fiel, da hatten sie jedesmal Angst, daß mit dem Namen des Ortes nun gleich der Name des Vaters genannt würde.

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