https://www.faz.net/-gqz-q11q

Breloers Film über Albert Speer : Der Engel fährt zur Hölle

  • -Aktualisiert am

Aber weil zum erstenmal drei der Kinder Albert Speers ausführlich vor der Kamera reden, ist dies auch ein Film über das Nachkriegsdeutschland, über die Kinder des Dritten Reiches und ihre Traumatisierungen. Wenn die im Film notwendigerweise gekürzten Gesprächsprotokolle in vollständiger Länge als Buch vorliegen (es erscheint unter dem Titel „Unterwegs zur Familie Speer“ Ende April im Propyläen Verlag), werden sie selbst eine historische Quelle von Rang sein. Befragt werden auch Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler, die die „Erinnerungen“ Albert Speers 1966 redigierten.

„Natürlich war er dabei“

Einige dieser Zeugen konfrontiert Breloer mit seinen historischen Funden. Wie ein Leitmotiv durchziehen den Film ihr Unglauben, ihr ungläubiges Kopfschütteln, ihre Erklärungsversuche. An einer Stelle wird Joachim Fest gefragt, ob er sich im Lichte neuer Forschungsergebnisse von Speer betrogen fühle. Ja, sagt er, er fühle sich betrogen. Hat Speer die berüchtigte Posener Rede von Heinrich Himmlers gehört? Speer hat das immer bestritten. Aus gutem Grund: Himmler hat in dieser Rede vor Gauleitern sich des Massenmordes an den Juden gerühmt. „Natürlich war er dabei“, sagt Siedler ganz trocken.

Speer war der aufgeklärte Nazi, der „Engel, der aus der Hölle kam“, wie Siedler unnachahmlich sagt. Und deshalb war er eine Identifikationsfigur für Nachkriegsdeutschland. Es könnte sein, daß nach Breloers Film vor allem Hölle bleibt. Der zentrale Satz der Dokumentation wird von Breloer im Gespräch mit Siedler gesprochen: „Speer war nicht das Rädchen im Getriebe des Terrors. Er war der Terror.“

Das Wissen wiegt nun schwerer

Zwar wußte man, wenngleich auch erst seit Speers Tod, daß Speer für die Entmietung der Berliner Juden verantwortlich war. Aber um wieviel schwerer wiegt dieses Wissen nun im Kontext des Films, der ein Geschehen im zeitlichen Ablauf nachvollziehbar macht, das eben nicht, wie Historiker meinten, als Verhängnis oder Sachzwang ablief. Speer brauchte Wohnraum für die Berliner, die durch die Neuplanung der Stadt ihre Wohnungen verloren hatten. Also kam er auf die Idee, den Juden ihre Wohnungen wegzunehmen.

Es spricht Susanne Willems, die Historikerin, die die Fingerabdrücke des Speerschen Verbrechens liefert: „Speer und seine Vertreter werben sechs Wochen vor dem Novemberpogrom für die Entrechtung der Juden.“ Sechs Wochen vorher. „Ab Ende September 1940 war Speer interessiert an den Deportationen der Juden während des Kriegs. Speer kann sich vor September 1941 nicht damit durchsetzen, daß Juden aus Berlin deportiert werden.“ Im September 1941 dann doch.

Verstrickender Täter

Es ist dies nur ein Beispiel für die Handlungen eines Mannes, der weniger „verstrickt“ als verstrickender, bestrickender Täter war. Sein Amt war es, das der Gestpo die Liste der Juden zur Verfügung stellte. Und sein Amt war es, das in einer Akte vom 28. Oktober 1942 ausdrücklich von der „Durchführung der Sonderbehandlung“ sprach und unter anderem Krematorien bewilligte.

Breloer: Sie sagen: Speer wußte, was in Auschwitz geschah - Völkermord.

Susanne Willems: Ja.

Breloer: Woher wissen Sie das?

Weitere Themen

„The Great Hack“ Video-Seite öffnen

Trailer : „The Great Hack“

„The Great Hack“ läuft ab Mittwoch, den 24. Juli bei Netflix.

Topmeldungen

Neue Umfrage : Warum das Misstrauen wächst

Die Amerikaner sehen ihre Regierung und ihre Mitbürger immer skeptischer. Vor allem bei der Unterscheidung von Wahrheit und Lüge zeigen sich viele verunsichert. Für den Vertrauensschwund geben sie unterschiedliche Gründe an.
Lässt ein verheerendes Echo nicht lange verhallen: Markus Söder sucht die Abgrenzung der AfD.

Vergleiche mit der NPD : Wie Söder sich von der AfD abgrenzt

Vor knapp einem Jahr hat der bayerische Ministerpräsident erfolgreich seine Taktik im Umgang mit der AfD geändert – doch ganz genau nimmt er es mit seinen Aussagen nicht immer. Eine Analyse.
Martin Winterkorn, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG

Dieselskandal : VW verklagt sein Personal

Während der ehemalige Chef Martin Winterkorn sein Altersruhegeld bezieht, verklagt der Konzern wegen des Dieselskandals sein Personal. Am Donnerstag fällt eine Entscheidung.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.