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Breloers Dokudrama : Die drei Leben des Albert Speer

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Vor dem Modell der „Großen Halle”: Sebastian Koch als Speer und Tobias Moretti als Hitler Bild: WDR/Stefan Falke

Drei Leben, auf Lügen gebaut: Albert Speer als Architekt und Rüstungsminister, als Häftling und dann als Bestsellerautor. Heinrich Breloers „Speer und Er“, von heute abend an im Ersten, ist ein großer nationaler Exorzismus.

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          Manchmal, selten, nahm Albert Speer seine Kinder im Wagen zu Abenteuerfahrten rund um den Obersalzberg mit. Er machte ihnen vor, die Fahrt sei sehr gefährlich, fuhr viel zu schnell, dann wieder ganz langsam über eine alte Holzbrücke und sagte ernst: "Oh, das Holz ist ja ganz morsch."

          Diese Fahrten gehören zu den seltenen Momenten der Wahrheit im Leben von Albert Speer. Natürlich hat er auch hier gelogen, die Brücke war solide genug. Aber man kann ihn diesen Szenen erkennen, daß ihm schwante, daß sein Aufstieg, seine sogenannte Karriere, ja das ganze Hitler-System nicht gut enden würden. Daß er seine Familie und, vielleicht wichtiger noch, seinen guten Ruf riskiert hatte. Und daß er sich entlastete, indem er den Kindern diesen Schwindel, diesen Grusel seines Aufstiegs vom auftraglosen Architekten zum Reichsminister in die Seelen getrieben hat.

          Es war ihm im richtigen Leben genauso mulmig wie in diesem Spiel. Und die Kinder haben genau verstanden: Arnold erinnert sich, wie ungern er wegen solcher Späße mit dem Vater im Auto saß. Albert hatte Albträume, wie er mit dem Vater im Wagen sitzt und durch die Begrenzung einer Bergstraße saust und in die Schlucht stürzt.

          „Bauten, wie es sie seit 4000 Jahren nicht gegeben hat” - Hitler im „Germania”-Modell
          „Bauten, wie es sie seit 4000 Jahren nicht gegeben hat” - Hitler im „Germania”-Modell : Bild: WDR/Stefan Falke

          Die eigentlichen Helden sind die Kinder

          Die Kinder von Albert Speer sind die eigentlichen Helden in Heinrich Breloers Vierteiler "Speer und Er". Es sind Überlebende, jeder, jede hat auf andere Art ein Leben mit Speer gestrickt, sie sind ihm ausgewichen, haben zu ihm gehalten, alle Wege und Umwege probiert. Darin sind sie wirklich stellvertretend für ihre Generation.

          Arnold wurde Landarzt, eine Amnesie hat sich über seine ersten Lebensjahre gelegt, vor 1945 hat er keine Erinnerung. Hilde, auf die der Vater so stolz war, hat sich lange für seine Freilassung eingesetzt, vergebens. Später wurde sie eines der führenden Mitglieder der Grünen in Berlin und gründete die Stiftung "Zurückgeben", die jüdische Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen in Deutschland fördert. Als Breloer sie fragt, ob sie, nach heutigem Kenntnisstand, die Lügen ihres Vaters benennen möchte, verweigert sie die Antwort. Und es gibt Albert Speer, der nicht nur den gleichen Namen führt, sondern - in einem schwindelerregenden Verhältnis von Dopplung und Ausflucht - auch den gleichen Beruf ausübt. Seit die Familie den Berghof verlassen mußte, 1945, stottert er. Dennoch scheint er mit einer seltenen psychischen Stabilität gesegnet zu sein, legt jene Resilience an den Tag, die die Psychologie gerade vermehrt untersucht.

          „Mei Nerwe“

          Er schafft es, diese eigenartige Familiengeschichte seelisch im Zaum zu halten, sie nicht sein ganzen späteres Leben dominieren zu lassen und darüber noch seinen Humor zu behalten. Als er sich vor einem Interview mit F.A.Z. alle Folgen von Breloers Film an einem Tag ansieht, hört man ihn immer wieder in bewußt übertriebenem Frankfurter Dialekt seufzen: "Mei Nerwe." Wie ein Mantra. Wenn man Dokumente sieht, mit denen das Büro des Vaters die Kostenaufstellung der Öfen für Auschwitz abzeichnet, ist jede Bemerkung so gut und so schlecht wie die andere.

          Manche Kinder, die im Film als Erwachsene aussagen, scheinen wesentlich schwerer betroffen. Der Sohn des Speer-Kollegen und Chronisten Rudolf Wolters, der Architekt Friedrich Wolters, kämpft noch vor der Kamera mit seinem 1983 verstorbenen, regimetreuen Vater. Heinrich Breloer muß ihn erst darüber aufklären, daß das Nummernschild des VW Käfers, den ihm der Vater in den fünfziger Jahren geschenkt hat, daß dieses COE-AH 88 zum einen für die Stadt Coesfeld steht, dann aber für Adolf Hitler und die 88 für Heil Hitler, zweimal die achte Zahl des Alphabets. Friedrich Wolters daraufhin erschüttert: "Das muß ich jetzt erfahren."

          Noch nicht einmal vergangen

          Alle müssen in diesem Film noch etwas erfahren. Auch Hilde Schramm, die stets so gefaßt wirkende Tochter, erfährt von Breloer vom beträchtlichen Arisierungsgewinn, den ihr Vater realisieren konnte: 1938, kurz vor der Pogromnacht, hat er einer jüdischen Grundbesitzerin ein Seegrundstück auf Schwanenwerder zu einem sehr guten Preis abgekauft und es 1943 mit gutem Gewinn von 240.000 Mark an das Reich verkauft. Später, als er in Spandau sitzt, kommen Rückzahlungsforderungen der Bundesregierung, die der treue Wolters auf 10.000 DM herunterhandeln kann. Die Öffentlichkeit erfährt davon nichts. "Nach und nach, immer Neues. Das ist jetzt wieder so was", kommentiert Hilde Schramm und fragt Breloer: "Machen Sie mir davon eine Kopie?" Man denkt beim Zusehen wieder an Faulkner: Die Vergangenheit ist nicht tot. Sie ist noch nicht einmal vergangen.

          Breloer beginnt seinen Vierteiler mit den Nürnberger Prozessen, dann bald mit der Begegnung Speers mit Hitler und wie er zu seinem Lieblingsarchitekten wurde. In den Schilderungen Speers und all den Büchern, die sich auf sie stützen, klingt immer noch der Stolz mit: wie der große Hitler sich den kleinen Speer ausguckte, zum Neid von Goebbels und Göring. Also inszeniert Breloer einen rasanten und einen glanzvollen Aufstieg. Das, was in der Debatte um Eichingers "Untergang" gefordert wurde, einen Film der zeigt, wie "faszinierend" (Sebastian Haffner) Hitlers Aufstieg für die Zeitgenossen war, das wird hier eingelöst - wobei "Speer und Er" zeitgleich mit dem "Untergang" entstand.

          Morettis Hitler: gewagt, mutig, beeindruckend

          Plötzlich steht Hitler im Bild. Tobias Moretti hat blaue Augen und spricht ganz leise, mit einer warmen, südlichen Stimme. Seine Interpretation ist gewagt, mutig, beeindruckend. Auch Speer, sensationell gespielt von Sebastian Koch, ist kein unsympathischer Charakter. Beide, so lautet die weithin akzeptierte These von Joachim Fest, waren mehr als Parteigenossen und Kollegen, es war mehr eine Liebesbeziehung, wobei Speer der Überlegenere, Entrücktere, der Begehrte war.

          Es muß im ersten Teil also um diesen Rausch gehen, um den Naziglanz, wobei der Zuschauer längst im Kopf hat, was nicht gezeigt werden muß: die Verfolgung von Sozialdemokraten und Kommunisten, Homosexuellen und Sinti und Roma, die unaufhaltsam anschwellenden antisemitischen Terrormaßnahmen. Denn das Morden begann ja nicht in Auschwitz.

          Die Lebenslügen der Bundesrepublik berührt

          Im ersten Teil wird man in dieses Traumreich geführt, von dem man nicht weiß, wie man mit heutigen Augen drauf blicken soll. Hitler und die Speer-Modelle von Germania, mit einer Halle so groß wie der Obersalzberg. Man sieht, wie Speer und Wolters über der Kuppel der großen Halle eine Scheinwerfersonne aufgehen lassen. Plötzlich ragt Hitler dahinter hervor, nur der Kopf. Moretti spielt ihn verzaubert, erstaunt, fast schüchtern. Als könne er es kaum fassen, daß er wirklich einen Architekten hat, einen, der ihm alles baut, was es in der Klassik auch schon gab, nur größer, viel größer. "Ihr Mann wird für mich Bauten errichten, wie es sie seit 4000 Jahren nicht gegeben hat", sagt Hitler Albert Speers Ehefrau Margret bei ihrem ersten Zusammentreffen. Jahrelang hat Speer Hitler einfach verschwiegen, daß er verheiratet ist, wie ein Boygroupstar, der keine Fans verlieren will.

          Weil dem heutigen Publikum Albert Speer kaum noch als Person in Erinnerung ist, braucht es die besten Schauspieler und einen mutigen Regisseur, die Magie der frühen Jahre glaubhaft darzustellen - eben damit man dranbleibt, damit man die Auflösung mitmacht, eine Auflösung mit vielen wenig bekannten Historikern, nach der vom "Engel aus der Hölle"-Mythos Albert Speer nichts mehr bleibt. Nun stellt sich die Frage, warum die westdeutsche Öffentlichkeit damals so eine Speer-Figur, so einen "Engel aus der Hölle" brauchte. Das Thema berührt die Lebenslügen der Bundesrepublik. Heinrich Breloers Film ist ein großer nationaler Exorzismus. Er beschwört den aufsteigenden Speer, den aufsteigenden Hitler herauf, um sie um so gründlicher loszuwerden.

          Wie Speer sich seine Rolle zurechtlegt

          Speer hat drei Leben gelebt: als Architekt und Rüstungsminister, als Spandauer Häftling und dann als öffentliche Person und Bestsellerautor. Der Dreh- und Angelpunkt dieser drei Karrieren, also ob nach der ersten überhaupt noch etwas kommt, sind die Nürnberger Prozesse. Hier sehen wir Speer improvisieren, sich eine Rolle zurechtlegen, mit der er hofft, lebend davonzukommen: reumütig, ein entrückter Techniker und Künstler, ein Manager und Spezialist. Einer, der nichts von Auschwitz gewußt hat.

          So effektiv ist ihm das gelungen, daß sich die Speer-Debatten immer wieder an den Punkten aufhalten, die er vorgegeben hat: Ob er speziell von der Vergasung in Auschwitz wußte. Ob er bei Himmlers Posener Rede dabei war. Ob er wußte, daß die Arbeitslager Vernichtungslager waren. Aber man hätte auch fragen können, ob er als Berlinplaner je mit der Rückkehr der 75.000 Berliner Juden gerechnet hat, die ihre Wohnungen räumen mußten, um Platz für Germania zu schaffen. Und warum ihr Gepäck am Bahnhof waggonweise vergessen wurde.

          Unternehmensberater des Todes

          Selbst im Falle der wohl am besten untersuchten und am meisten interviewten Nazigröße Speer tauchen immer wieder neue Dokumente auf. Und nie entlasten sie ihn, immer deuten sie auf noch größere Schuld und auf noch mehr Lügen. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus: Daß ein Regime, das sich die größten Verbrechen der Menschheit ausgedacht hat, noch genügend kriminelle Energie besaß, auch Kleinkriminalität zu begehen: Diebstahl, Drogenmißbrauch, Urkundenfälschung und Steuerhinterziehung.

          So wird "Speer und Er" enden, im vierten Teil. Mit solchen Dokumenten, mit Berichten aus den Speer-Lagern Dora und Struthof-Natzweiler und mit jenem Dokument seiner Mitarbeiter, die vor Ort, in Auschwitz, geprüft haben, ob die beträchtlichen Mittel, die Himmler da angefordert hat, auch wirklich sinnvoll verwendet werden, Unternehmensberater des Todes. Alles O.K. melden sie ihrem erfreuten Chef, Albert Speer.

          Nach heutigen Kenntnissen

          Eine Art Künstler-, Ingenieurs-, Managervorbehalt hat Speer in Nürnberg das Leben gerettet. Im Film sieht man ganz kurz ein Foto aus den späten sechziger oder frühen siebziger Jahren: Speer neben Leni Riefenstahl beim Skifahren, beide sitzen nebeneinander im Liegestuhl und ruhen sich aus. Davongekommenen, aber knapp.

          Ob sie glaubten, zu Recht davongekommen zu sein, auch daran wachsen die Zweifel. Breloer zitiert ein Interview des Historikers Gregor Janssen mit Simon Wiesenthal aus dem Jahr 1998. Wiesenthal hat da gesagt, er habe Speer getroffen und ihm gesagt: ",Wenn in Nürnberg das bekannt gewesen wäre, was wir heute wissen, wären Sie in Nürnberg gehängt worden.' ,Und wie hat Speer darauf reagiert?' ,Gar nicht', sagt Wiesenthal. ,Er wußte, daß ich recht hatte.'"

          Ein anderer hat es noch früher gewußt: Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

          Teil 1 am 9. Mai, 20.15 Uhr; Teil 2 am 11. Mai, 20.15 Uhr; Teil 3 und 4 am 12. Mai, 20.15 Uhr und 23.00 Uhr im Ersten. Eine DVD mit allen Folgen und Bonusmaterial wird am 12. Mai veröffentlicht.

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