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Breloers Dokudrama : Die drei Leben des Albert Speer

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Weil dem heutigen Publikum Albert Speer kaum noch als Person in Erinnerung ist, braucht es die besten Schauspieler und einen mutigen Regisseur, die Magie der frühen Jahre glaubhaft darzustellen - eben damit man dranbleibt, damit man die Auflösung mitmacht, eine Auflösung mit vielen wenig bekannten Historikern, nach der vom "Engel aus der Hölle"-Mythos Albert Speer nichts mehr bleibt. Nun stellt sich die Frage, warum die westdeutsche Öffentlichkeit damals so eine Speer-Figur, so einen "Engel aus der Hölle" brauchte. Das Thema berührt die Lebenslügen der Bundesrepublik. Heinrich Breloers Film ist ein großer nationaler Exorzismus. Er beschwört den aufsteigenden Speer, den aufsteigenden Hitler herauf, um sie um so gründlicher loszuwerden.

Wie Speer sich seine Rolle zurechtlegt

Speer hat drei Leben gelebt: als Architekt und Rüstungsminister, als Spandauer Häftling und dann als öffentliche Person und Bestsellerautor. Der Dreh- und Angelpunkt dieser drei Karrieren, also ob nach der ersten überhaupt noch etwas kommt, sind die Nürnberger Prozesse. Hier sehen wir Speer improvisieren, sich eine Rolle zurechtlegen, mit der er hofft, lebend davonzukommen: reumütig, ein entrückter Techniker und Künstler, ein Manager und Spezialist. Einer, der nichts von Auschwitz gewußt hat.

So effektiv ist ihm das gelungen, daß sich die Speer-Debatten immer wieder an den Punkten aufhalten, die er vorgegeben hat: Ob er speziell von der Vergasung in Auschwitz wußte. Ob er bei Himmlers Posener Rede dabei war. Ob er wußte, daß die Arbeitslager Vernichtungslager waren. Aber man hätte auch fragen können, ob er als Berlinplaner je mit der Rückkehr der 75.000 Berliner Juden gerechnet hat, die ihre Wohnungen räumen mußten, um Platz für Germania zu schaffen. Und warum ihr Gepäck am Bahnhof waggonweise vergessen wurde.

Unternehmensberater des Todes

Selbst im Falle der wohl am besten untersuchten und am meisten interviewten Nazigröße Speer tauchen immer wieder neue Dokumente auf. Und nie entlasten sie ihn, immer deuten sie auf noch größere Schuld und auf noch mehr Lügen. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus: Daß ein Regime, das sich die größten Verbrechen der Menschheit ausgedacht hat, noch genügend kriminelle Energie besaß, auch Kleinkriminalität zu begehen: Diebstahl, Drogenmißbrauch, Urkundenfälschung und Steuerhinterziehung.

So wird "Speer und Er" enden, im vierten Teil. Mit solchen Dokumenten, mit Berichten aus den Speer-Lagern Dora und Struthof-Natzweiler und mit jenem Dokument seiner Mitarbeiter, die vor Ort, in Auschwitz, geprüft haben, ob die beträchtlichen Mittel, die Himmler da angefordert hat, auch wirklich sinnvoll verwendet werden, Unternehmensberater des Todes. Alles O.K. melden sie ihrem erfreuten Chef, Albert Speer.

Nach heutigen Kenntnissen

Eine Art Künstler-, Ingenieurs-, Managervorbehalt hat Speer in Nürnberg das Leben gerettet. Im Film sieht man ganz kurz ein Foto aus den späten sechziger oder frühen siebziger Jahren: Speer neben Leni Riefenstahl beim Skifahren, beide sitzen nebeneinander im Liegestuhl und ruhen sich aus. Davongekommenen, aber knapp.

Ob sie glaubten, zu Recht davongekommen zu sein, auch daran wachsen die Zweifel. Breloer zitiert ein Interview des Historikers Gregor Janssen mit Simon Wiesenthal aus dem Jahr 1998. Wiesenthal hat da gesagt, er habe Speer getroffen und ihm gesagt: ",Wenn in Nürnberg das bekannt gewesen wäre, was wir heute wissen, wären Sie in Nürnberg gehängt worden.' ,Und wie hat Speer darauf reagiert?' ,Gar nicht', sagt Wiesenthal. ,Er wußte, daß ich recht hatte.'"

Ein anderer hat es noch früher gewußt: Es gibt kein richtiges Leben im falschen.

Teil 1 am 9. Mai, 20.15 Uhr; Teil 2 am 11. Mai, 20.15 Uhr; Teil 3 und 4 am 12. Mai, 20.15 Uhr und 23.00 Uhr im Ersten. Eine DVD mit allen Folgen und Bonusmaterial wird am 12. Mai veröffentlicht.

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