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Breloers Dokudrama : Die drei Leben des Albert Speer

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Noch nicht einmal vergangen

Alle müssen in diesem Film noch etwas erfahren. Auch Hilde Schramm, die stets so gefaßt wirkende Tochter, erfährt von Breloer vom beträchtlichen Arisierungsgewinn, den ihr Vater realisieren konnte: 1938, kurz vor der Pogromnacht, hat er einer jüdischen Grundbesitzerin ein Seegrundstück auf Schwanenwerder zu einem sehr guten Preis abgekauft und es 1943 mit gutem Gewinn von 240.000 Mark an das Reich verkauft. Später, als er in Spandau sitzt, kommen Rückzahlungsforderungen der Bundesregierung, die der treue Wolters auf 10.000 DM herunterhandeln kann. Die Öffentlichkeit erfährt davon nichts. "Nach und nach, immer Neues. Das ist jetzt wieder so was", kommentiert Hilde Schramm und fragt Breloer: "Machen Sie mir davon eine Kopie?" Man denkt beim Zusehen wieder an Faulkner: Die Vergangenheit ist nicht tot. Sie ist noch nicht einmal vergangen.

Breloer beginnt seinen Vierteiler mit den Nürnberger Prozessen, dann bald mit der Begegnung Speers mit Hitler und wie er zu seinem Lieblingsarchitekten wurde. In den Schilderungen Speers und all den Büchern, die sich auf sie stützen, klingt immer noch der Stolz mit: wie der große Hitler sich den kleinen Speer ausguckte, zum Neid von Goebbels und Göring. Also inszeniert Breloer einen rasanten und einen glanzvollen Aufstieg. Das, was in der Debatte um Eichingers "Untergang" gefordert wurde, einen Film der zeigt, wie "faszinierend" (Sebastian Haffner) Hitlers Aufstieg für die Zeitgenossen war, das wird hier eingelöst - wobei "Speer und Er" zeitgleich mit dem "Untergang" entstand.

Morettis Hitler: gewagt, mutig, beeindruckend

Plötzlich steht Hitler im Bild. Tobias Moretti hat blaue Augen und spricht ganz leise, mit einer warmen, südlichen Stimme. Seine Interpretation ist gewagt, mutig, beeindruckend. Auch Speer, sensationell gespielt von Sebastian Koch, ist kein unsympathischer Charakter. Beide, so lautet die weithin akzeptierte These von Joachim Fest, waren mehr als Parteigenossen und Kollegen, es war mehr eine Liebesbeziehung, wobei Speer der Überlegenere, Entrücktere, der Begehrte war.

Es muß im ersten Teil also um diesen Rausch gehen, um den Naziglanz, wobei der Zuschauer längst im Kopf hat, was nicht gezeigt werden muß: die Verfolgung von Sozialdemokraten und Kommunisten, Homosexuellen und Sinti und Roma, die unaufhaltsam anschwellenden antisemitischen Terrormaßnahmen. Denn das Morden begann ja nicht in Auschwitz.

Die Lebenslügen der Bundesrepublik berührt

Im ersten Teil wird man in dieses Traumreich geführt, von dem man nicht weiß, wie man mit heutigen Augen drauf blicken soll. Hitler und die Speer-Modelle von Germania, mit einer Halle so groß wie der Obersalzberg. Man sieht, wie Speer und Wolters über der Kuppel der großen Halle eine Scheinwerfersonne aufgehen lassen. Plötzlich ragt Hitler dahinter hervor, nur der Kopf. Moretti spielt ihn verzaubert, erstaunt, fast schüchtern. Als könne er es kaum fassen, daß er wirklich einen Architekten hat, einen, der ihm alles baut, was es in der Klassik auch schon gab, nur größer, viel größer. "Ihr Mann wird für mich Bauten errichten, wie es sie seit 4000 Jahren nicht gegeben hat", sagt Hitler Albert Speers Ehefrau Margret bei ihrem ersten Zusammentreffen. Jahrelang hat Speer Hitler einfach verschwiegen, daß er verheiratet ist, wie ein Boygroupstar, der keine Fans verlieren will.

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