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Zeichentrickserie „Boogiepop“ : Schattentaten und Seelenaction

Manche Münze auf der Mütze, der Gesellschaft eine Stütze: Boogiepop ist allzeit zu jeder guten Tat bereit. Bild: Animoon

Das Dunkle im Menschen kann auch lieb sein: Die japanische Zeichentrickserie „Boogiepop and Others“ mischt Horror, Fantasy und psychologische Tiefenbeobachtungen zu etwas Einzigartigem.

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          Ein menschenähnliches Wesen von schnurgerader Haltung, das sich in einen dunklen Umhang hüllt und einen leicht angeknautschten Schlappzylinder trägt, der doppelt so hoch ist wie der Kopf, auf dem er sitzt, peitscht mit einer Waffe, die einem goldenen Geschenkband gleicht, den Bösen ihre Arme und Ohren weg: Das ist Boogiepop. Wenn ein Surrealist Batman erfunden hätte, sähe der so aus.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Von Boogiepop erzählen in Japan seit etwas mehr als zwanzig Jahren diverse Romane, Mangas, ein Film mit Schauspielensemble aus Fleisch und Blut sowie Zeichentrickserien. Die jüngste heißt „Boogiepop and Others“ und ist die bislang ästhetisch gelungenste wie gedanklich reifste Umsetzung des Grundkonzepts. Sie stammt aus dem Jahr 2019, besteht aus vier „Bögen“ zu wiederum mehreren Teilen und wurde inszeniert von Shingo Natsume, der mit „One Punch Man“ (2015) berühmt wurde. Jetzt gibt es sie auf Deutsch, als DVD und Blueray in ausgezeichneter Bild-, Ton- und Synchronqualität: Klarer, ruhiger Strich und reiche Hintergründe erschließen visuell souverän und selbst bei Tageslicht wie aus geheimen Schatten gegriffen Boogiepops menschliche Seite, ein Mädchen namens Touka Miyashita, inmitten von Liebesnot, Elektroschocks und Gehirnwäscheattacken, unterstützt oder bekämpft von allerlei Unglaublichkeiten sowie von Nagi Kirima, einer ungefähr gleichaltrigen grazilen Schlägerin und Hobbygeheimagentin mit beeindruckender Kampfkunstbegabung und harschen Manieren.

          Vorsicht, Dornen

          Menschen sind Rosen (Vorsicht, Dornen) in dieser Serie, Fünfzehnjährige führen schockierende Gespräche im Café, und Kinder sollten sich das alles besser nicht anschauen, einerseits, weil hier Pfeile in Köpfe geschossen, Kehlen durchtrennt und Menschen aufgefressen werden, andererseits und vor allem aber, weil man „Boogiepop and Others“ mit einem filmerzählerisch aufgeschlossenen Verstand sehen muss, der dabei dann voll auf seine Kosten kommt: Klammern werden geöffnet und geschlossen, Sprünge erschüttern Erwartungen, und variierende Wiederholungen behandeln zentrale Szenen als Achsen, um die man die Story mit cleverer Schraubenbewegung dreht.

          In der neunten Folge, der sechsten des zweiten Bogens, kehrt Boogiepop nach einer quälend spannenden Abwesenheit für eine kühn gemächliche, erstaunlich diskrete und coole Kampfszene zurück, untermalt von Musik aus Richard Wagners „Meistersingern“, in einem Setting, das aus Anspielungen aufs Werk von Prince besteht (Schnee im April, eine Vergnügungsruine namens „Paisley Park“) – Stoff für drei Filmkritiken, aber federnd unterhaltsam. Boogiepop ist freilich nicht zum Spaß auf unsere Welt gekommen, sondern um zwischen den Schocks und Kämpfen ein paar psychologische Einsichten fallenzulassen, zum Beispiel: „Das Herz lebt nur durch die Kommunikation mit anderen, es ist kein Kern des Selbst.“

          Man kann das Tiefsinn nennen; Boogiepop indes klingt in diesem Moment fast ein wenig genervt davon, dass wir, die Menschen, dermaßen Grundlegendes immer wieder nicht wissen oder dauernd vergessen. Aber dafür, dass wir’s lernen, haben wir ja die Kunst.

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