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Wettbewerbsfilme in Cannes : Gartenparty mit Blutbad, Mann ohne Hoffnung

Familienwasserfestspiele in Cannes: Szene aus „Gisaengchung (Parasite)“, einer schwarzen Komödie des koreanischen Regisseurs Bong Joon Ho Bild: Filmfestival Cannes

Dieses Festival hat alles versucht, um das Kino zu retten: Bei Bong Joon Ho übernehmen Arme ein Haus, bei Elia Suleiman bleibt ein Suchender fremd. Letzte Filme im besten Wettbewerbsprogramm seit Jahren.

          Glückliche Familien sind kein gutes Thema? Das kommt schon sehr darauf an. Funktionierende Familien wie die in Bong Joon Hos tiefschwarzer Komödie „Gisaengchung (Parasite)“ sind ein hervorragendes Filmthema. Weil das, was nicht funktioniert, überall um sie herum ist, das große Ganze sozusagen: die koreanische Gesellschaft mit der immer tieferen Schlucht zwischen denen, die zu viel, und jenen, die zu wenig haben. Aber anders als bei Ken Loach, dessen glückliche Familie an den Verhältnissen zerbricht, macht Bong sie wenigstens für eine Weile zu denen, die die Verhältnisse tanzen lassen.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Film beginnt in einer Kellerwohnung in Seoul, in der Vater, Mutter, Sohn und Tochter der Familie Ki-taek leben, sämtlich arbeitslos, sämtlich erfinderisch. Erst fällt das W-Lan aus, weil der Nachbar ein neues Passwort hat. Dann pinkelt draußen jemand an die Hauswand, der nicht ahnt, dass da unten jemand wohnt. Und dann kommt auch noch ein gutsituierter Freund des Sohns vorbei, als die Familie gerade beim Abendessen zusammensitzt. Es gibt Chips aus der Tüte. Der wohlerzogene Freund tritt ein Auslandssemester an und empfiehlt seinen Freund Ki-woo als Ersatz für seinen Job als Tutor der Teenagertochter des sehr reichen Geschäftsmanns Park.

          Das ist komisch, weil die Familie Ki-taek in ihrer völligen Mittellosigkeit strategisch unschlagbar ist. Gleichzeitig ist es zum Heulen. Was folgt, taugt auch als Horrorfilm der Sorte: wenn Fremde ein Haus übernehmen. Das nämlich tut nach und nach die Familie Ki-taek mit dem Haus der Familie Park, die in einer Glasvilla von immensen Ausmaßen wohnt. Hier ersetzen die Ki-taeks einer nach dem anderen das bewährte Personal. Sie kommen gut klar, und niemand schöpft Verdacht, außer dass sie einen fremden Geruch in die klinischen Räume mitbringen.

          Es ist der Gestank der Armut, den die Parks unangenehm wahrnehmen. Die Grenzen zu achten, das heißt, die Reichen ungestört reich sein zu lassen, das ist eines der Mantras des Hausherrn. Er wird dafür büßen. Langsam kriecht der Horror an den glatten Wänden bis in einen Katastrophenkeller hinunter, entwickelt sich zu einem Blutbad bei einer improvisierten Gartenparty, und schließlich nimmt während eines sintflutartigen Unwetters das Sozialdrama seinen Lauf, als die Kanalisation überläuft und die Menschen aus ihren Kellerwohnungen buchstäblich auf die Straße spült. Am Ende zeigt Bong für einen kurzen Augenblick noch etwas, von dem Familienfilme anderer Art meistens zu viel haben: ein großes Gefühl.

          „Für Menschen unterschiedlicher Herkunft ist das Zusammenleben nicht immer leicht“, war der trockene Kommentar des Regisseurs. In einem Festival, das dem Genrefilm sehr zugeneigt war, war dieser Hybrid der Höhepunkt der letzten Tage, der Tarantinos „Once Upon a Time“ mühelos in den Schatten stellte. In Gesellschaft solcher auch visuell ausholenden Werke hat es ein kleiner, persönlicher und sehr leiser Film wie „It Must Be Heaven“ des palästinensischen Regisseurs Elia Suleiman schwer, Aufmerksamkeit zu bekommen, was zum Stil von Film und Regisseur auch passt. Ein Mann zieht von Nazareth erst nach Paris, dann nach New York, schließlich zurück. Er trägt immer einen Hut, und er spricht nie. Er sieht frontal auf die Welt, lange, und selbst wenn das, was er sieht – Panzer und eine Reitergarde in Paris –, sich logisch auflöst (es findet eine Militärparade statt), ist die Fremdheit zwischen diesem Mann und der Welt Stoff, Thema und Form dieses Films in einem. Der ewige Reisende. Der stete Beobachter. Einer, der von Hoffnungen Abschied nimmt, von seiner Frau, seinem erträumten Land.

          In den ersten Tagen des Festivals wurde ständig das Kino beschworen und die Formel wiederholt, wie viel ärmer die Welt würde ohne die gemeinsame Erfahrung, zur selben Zeit dasselbe zu sehen. Ist das so? Die naheliegende Frage angesichts von desaströsen Besucherzahlen und ödem Kinoprogramm jenseits von Festivals haben nicht viele gestellt. Nach ein paar Tagen hatte sich die Frage dann erübrigt. Das Programm der Filmfestspiele gab die Antwort. Welche Zufälle auch immer dazu führten – das Programm war das beste seit Jahren. Dass die amerikanischen Filme selten und nicht die überzeugendsten waren, zeigt die Schieflage, die in den deutschen Kinos herrscht, in denen sie übermächtig sind. Dabei müssten die Leute in einen Film wie den brasilianischen „A vida invisível de Eurídice Gusmão“ von Karim Aïnouz stürmen, der bereits einen deutschen Verleih hat. Es war einer der stärksten in der Nebenreihe „Un certain regard“ – ein Film über zwei Schwestern, jede rebellisch auf ihre Weise, die sich in den späten Fünfzigern aus den Augen verlieren. Ein Film, der unsichtbare Biographien sichtbar macht (inspiriert von dem gleichnamigen Roman von Martha Batalha) und überreich ist an sinnlichen Details, Gesten, Tragödien und neuen Heimaten. Wenn das Kino stirbt, so liegt es nicht an den Filmen. Und nicht daran, dass dieses Festival nicht alles versucht hätte, es am Leben zu erhalten. Filme, über die Ärger angebracht war, gab es nur vereinzelt in den allerletzten Tagen. Ein paar Langweiler auch. Aber wenige.

          Wer die Palmen bekommt, bekommen sollte? Die Jury besteht unter Vorsitz von Alejandro G. Iñárritu in diesem Jahr aus den Filmemacherinnen Kelly Reichardt, Alice Rohrwacher, Maimouna N’Diaye neben Yorgos Lanthimos und Pawel Pawlikowksi und als einziger Schauspielerin Elle Fanning. Es hat gar keinen Sinn, über deren Geschmack zu spekulieren. Angesichts eines außerordentlichen Programms mit einigen brillanten Filmen von Pedro Almódovar, Céline Sciamma, Mati Diop, Bong Joon Ho und Kleber Mendonça Filho können sie eigentlich nicht viel falsch machen.

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