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Filmfestival in Locarno : Unübersehbare Unsichtbarkeiten

Wegbereiter des afrikanischen Kinos: Ousmane Sembène verfilmte 1966 „La Noire de …“ mit Mbissine Thérèse Diop in der Hauptrolle. Bild: Locarno Film Festival

Beim schwarzen Kino und Kino mit Schwarzen geht es nicht nur um Rassismus: Die Retrospektive „Black Light“ beim Filmfestival in Locarno weitet und verändert den Blick auf die Geschichte.

          Was ist Black Power? Hat sie schon jemand? Kann eine sie kriegen? Ist sie Macht im Sinn von: ausgeübt über andere, analog zur White Power? Ist sie ebenso gefährlich?

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Retrospektive beim Filmfestival in Locarno, wie seit vielen Jahren auch diesmal einer der Höhepunkte des Festivals, hatte den Titel „Black Light“, genannt nach dem Licht an einem Ende der sichtbaren Lichtskala, das manche Substanzen fluoreszieren lässt, wenn es auf sie fällt. Unter seiner ultravioletten Strahlung wird dann tatsächlich etwas vorher Unsichtbares erkennbar, bei gefälschten Kunstwerken, Geldscheinen, Ausweisen zum Beispiel. Auf die Retro in Locarno bezogen, heißt das: Weil dort Filme in einen Kontext gestellt waren, die – wenn überhaupt – üblicherweise nicht zusammen gesehen werden, öffnete sich das Gesichtsfeld, und die erste Frage, die im schwarzen Licht deutlich wurde und zumindest im Hintergrund immer präsent blieb, war die Frage, was Black Power, Black Art, Black Movies, Black Cinema eigentlich seien.

          „Black Light“ umfasste Filme von Filmemacherinnen und Künstlern, die sich damit beschäftigten, was es bedeutet, „Schwarz“ zu sein – die Großschreibung zeigt an, es geht nicht um die Hautfarbe. Sondern darum, was jenseits von Afrika mit ihr verbunden war und ist an Vorurteilen, Respektlosigkeit, Diskriminierung, Ausbeutung, Rechtlosigkeit, einerseits. An Lebensform, Sprache, Gemeinschaft, Kunst, Musik, Kreativität überhaupt, andererseits.

          Nur James Baldwin kann so reden

          Es ging nicht nur um amerikanisches Kino. Und es fanden sich einige Beispiele weißer Filmemacher zum Thema. Denn es müssen nicht zwangsläufig Schwarze Menschen sein, die sich politisch oder künstlerisch mit der Lebenswirklichkeit Schwarzer Menschen beschäftigen, auch wenn die Geschichte zeigt, dass es meistens so ist. Und weil es ein Programm war, das sich „internationales schwarzes Kino“ zum Thema gemacht hatte, also ausdrücklich den Blick über das amerikanische Kino hinaus weitete, rückte es neben den politischen Fragen, den Fragen nach Repräsentation und Teilhabe vor und hinter der Kamera vor allem die ästhetischen, die formalen Merkmale von Filmen ins Blickfeld: Wann gehört ein Film zum Schwarzen Kino?

          Reden sind das Letzte, was einen bei Filmfestivals in den Kinosessel drückt. Es sei denn, der, der da spricht, wäre James Baldwin. Er starb 1987. Aber es gibt einige seiner Reden als Filmkonserve. Raoul Peck hat Ausschnitte aus einigen dieser Reden in seiner Dokumentation „I Am Not Your Negro“ verwendet und der Welt gezeigt, mit welch freihändiger Eloquenz Baldwin vor Publikum sprach. Immer scharfsinnig, oft provokant, niemals ohne Leidenschaft.

          Einer, der Baldwin beim Reden gefilmt hat, ist der auf Trinidad geborene englische Regisseur Horace Ové. Sein Film „Baldwin’s Nigger“ (1969) war in der Retrospektive zu sehen, zu erleben eher, und schon der Titel macht all jenen Menschen Probleme, die dieses Wort mit N weder sagen noch schreiben noch geschrieben sehen wollen. Greg de Cuir Jr., der Kurator der Reihe, hielt sich in seiner Einführung die Hand vor den Mund, nachdem er „Baldwin’s“ gesagt hatte, und murmelte den Rest in seine Faust.

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