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„Saving Mr. Banks“ im Kino : Manierierte Lady im Klischee-Kalifornien

Tom Hanks als Walt Disney und Emma Thompson als Pamela „P.L.“ Travers in „Saving Mr. Banks“. Bild: dpa

Mit „Saving Mr. Banks“ ist eine Biopic-Schmonzette über Walt Disneys Film „Mary Poppins“ ins Kino gekommen. Sie ist all das, was „Mary Poppins“ nie sein wollte.

          Irgendjemand muss Emma Thompson gesagt haben: Verhalte dich einfach wie Margaret Thatcher. Die Schauspielerin gibt sich jedenfalls alle Mühe, wie die Eiserne Lady zu wirken. Sie soll aber die Schriftstellerin Pamela Lynwood Travers mimen, jene gebürtige Australierin also, die der Welt „Mary Poppins“ schenkte, das Kindermädchen, das an einem Regenschirm vom Himmel geschwebt kommt.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Nach einer guten Stunde von John Lee Hancocks Film „Saving Mr. Banks“ hat auch der letzte Zuschauer begriffen, was für eine harte Nuss diese Frau Travers ist. Sie will sich auf keinen Fall den Vorstellungen Walt Disneys beugen, der - hier von Tom Hanks als ein großherziger Märchenonkel und galanter Charmeur gespielt - „Mary Poppins“ vom Buch auf die Leinwand bringen möchte.

          Und sie fliegt 1961 auch nur nach Los Angeles, um mit ihm und seinem Studio über die Verfilmung ihres Stoffes zu sprechen, weil sie dringend Geld braucht.

          So wird Mary Poppins nicht enden!

          Als Variante eines Englishman in New York sieht man nun also die manierierte Lady im Klischee-Kalifornien eintreffen, Teetrinkerdistinktion gegen T-Shirt-Wetter, steife Oberlippe gegen sofortige Duzfreundschaft: Sie solle ihren Geschäftspartner unbedingt Walt nennen, rät man der Autorin, die jedoch bleibt eisern bei „Mr. Disney“.

          Pamela „Ginty“ Travers (Annie Buckley) und Robert Goff Travers (Colin Farrell) in „Saving Mr. Banks“.

          Im Hotelzimmer warten, Schreck lass nach, dessen plüschgewordene Comicfiguren zum Kuscheln auf sie. Die werden natürlich sofort abgeräumt, ein performativer Akt, der sagen soll: So wird Mary Poppins nicht enden!

          Mr. Disney verspricht Frau Travers, es werde nichts gegen ihren Willen geschehen, was er aber bald bereuen soll: Als es nämlich an die Arbeit an Drehbuch und Musik geht - der in den Filmen Wes Andersons großartige Jason Schwartzman gibt sich am Klavier alle Mühe als brav-beflissener Komponist Richard Sherman, kommt aber sonst schauspielerisch kaum zur Geltung -, findet kaum eine Idee Gnade vor den immer wieder grotesk weit aufgerissenen Augen der verhärmten Miss Travers: Super-Kali-wie-bitte?

          Schlechteste Küchenpsychologie

          Das Notenblatt zu diesem Song wird da lieber schnell wieder versteckt, weil bei jedem Disput die Rechteinhaberin des Poppins-Stoffes mit Verweigerung ihrer Unterschrift droht. Julie Andrews und Dick van Dyke als Hauptdarsteller? Kommt gar nicht in die Tüte, sagt sie. Am schlimmsten für sie dann aber die Nachricht, dass Disney plane, den Film teilweise zu animieren.

          Weil dieses stagnierende Spielchen „nach einer wahren Begebenheit“ zu wenig für eine gute Story ist, wird nun als Begründung für die Reizbarkeit der Kinderbuchautorin in schlichtester Küchenpsychologie ihre Kindheit in Australien aufgerollt. In den Technicolor-Flashbacks entsteht so ein Parallelfilm in der Manier von „In einem fernen Land“, mit gelbsatten Prärieaufnahmen und einer gut kostümierten Familie um die Jahrhundertwende.

          Lily Bigham, Annie Buckley, Ruth Wilson und Colin Farrell am Set von „Saving Mr. Banks“.

          Colin Farrell gibt darin den Vater als traurigen Trunkenbold, der den Härten des Lebens nicht gewachsen ist und immer wieder versagt, von seiner Tochter aber trotzdem abgöttisch geliebt wird - auch weil er ihr so wichtige Ratschläge mitgibt wie diesen: „Hör niemals auf zu träumen, mein Kind.“

          Kitsch, den P.L. Travers nie wollte

          Die ganze rührselige Rückblende dient dazu, eine einseitig-biographistische Lesart von „Mary Poppins“ zu fundieren, welche die Figur des Familienvaters Mr. Banks mit dem Vater der Autorin gleichsetzt, deren Werk somit zur Trauerarbeit reduziert.

          Beglaubigt werden soll diese Legende auch durch die Filmmusik: So plinkern schon Teile der Melodie von „Chim-Chim Cher-ee“ durch die australische Weite, ein rückprojiziertes Alibi aus dem tatsächlichen Poppins-Film.

          Das Paradoxe daran ist: Diese Interpretation ist genau der Kitsch, den P. L. Travers im Film gegenüber Walt Disney angeblich ablehnt, und er wird am Ende noch gespiegelt, wenn Disney selbst in einer Art Wettbewerb der schweren Kindheiten ihr die seinige dramatisch erzählt, um der Schriftstellerin endlich ihre Einwilligung zu seinem Film abzuringen - inklusive Julie Andrews, Dick Van Dyke und einiger animierter Pinguine.

          Tropfiger Traumstoff

          Die erpresste Versöhnung gelingt, und am Ende darf die Thompson-Travers bei der Premiere von „Mary Poppins“, die 1964 in Los Angeles stattfand, heiße Tränen vergießen, erleichtert über die „Rettung“ ihres Vaters in der Fiktion.

          „Saving Mr. Banks“ beruht auf Tonbandaufnahmen der tatsächlichen Arbeit von P. L. Travers mit den beteiligten Personen und wurde nach einem Drehbuch von Kelly Marcel und Sue Smith von den Disney-Studios produziert. Einige unkten, das Produkt sei ebendas, was herauskomme, wenn die Disney Corporation einen Film über Walt Disney mache und dabei alles Problematische ausblende, wie etwa sein Verhalten in der McCarthy-Ära oder Frauenfeindlichkeit.

          Das Problem des Films ist aber weniger die Darstellung von Walt Disneys Person; er ist ja kein Biopic über den Filmpionier und steht somit auch nicht in der Pflicht, seinem ganzen Leben gerecht zu werden. Aber ein Problem von „Saving Mr. Banks“ sind die nur scheinbare Kritik an Disneys Wohlfühl-Merchandising, die am Ende in eine Apologie umschlägt, und der raunende Ton, mit dem hier Sätze wie „Man darf sich das Leben nicht selbst als Strafe auferlegen“ eine Episode der Filmgeschichte moralisch überhöhen sollen, um daraus einen tropfigen Traumstoff zu machen.

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