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Bill Murray wird siebzig : Ein Meister der Resignation

  • -Aktualisiert am

Bill Murray 2018 bei dem Berliner Filmfestival – an diesem Montag wird er 70 Jahre alt. Bild: EPA

Er brillierte in Filmen wie „Ghostbusters“, „Rushmore“ und „Broken Flowers“. Mit den Jahren ist er so etwas wie eine aktuelle Definition von komisch geworden. An diesem Montag wird Bill Murray siebzig Jahre alt.

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          Eine der Figuren, mit denen Bill Murray in den siebziger Jahren bekannt wurde, war ein „lounge singer“ namens Nick. In einem Sketch in einer Skihütte brachte er sich damals zuerst mit dem „Zarathustra“ von Richard Strauss in Fahrt und sang dann den „Star Wars“-Fanfaren von John Williams den Marsch. Unvergessliche Auftritte dieser Art lieferte Murray damals viele, in einer Zeit, in der die Comedy-Show „Saturday Night Live“ sich von ihren Gründern, von John Belushi und Chevy Chase, zu emanzipieren begann.

          Der Humor dieser Jahre wirkt heute in mancherlei Hinsicht eher antiquiert, aber Bill Murray ist immer noch da. Mehr noch: Er ist nun nicht mehr bloß komisch, er ist so etwas wie eine aktuelle Definition von komisch geworden: Auf eine Zeit, an der eigentlich nichts mehr lustig ist, richtet er seinen immer stärker resigniert wirkenden Blick. Und wenn er Steve Bannon parodiert, den Fake-News-Schurken der Ära Trump, bemüht Murray sich gar nicht groß um „Ähnlichkeit“. Er spielt den breiten Graben, der die amerikanische Kultur inzwischen trennt, gleich mit.

          Die erste Hälfte seiner Karriere verlief mehr oder weniger planlos: ein junger, charismatischer Mann, verkrachter Medizinstudent aus Illinois, probiert sich als Improvisationskomiker und kommt gut an. Von der Bühneninstitution Second City kam Murray zu „Saturday Night Live“, und dort fand er das Umfeld, das ihm den Weg ins Kino ebnete.

          Täglich grüßt das Murmeltier und schon ist wieder ein Jahr vorbei: Bill Murray feiert seinen Siebzigsten.
          Täglich grüßt das Murmeltier und schon ist wieder ein Jahr vorbei: Bill Murray feiert seinen Siebzigsten. : Bild: ddp Images

          In der Komödie „Meatballs“ spielte er einen Kinderbetreuer in einem Ferienlager (der deutsche Titel „Babyspeck und Fleischklößchen“ trifft mit einer Anzüglichkeit gut den Punkt). Mit Ivan Reitman (Regie) und Harold Ramis waren da schon zwei Kollegen dabei, die bei den beiden größten Erfolgen von Murray in dieser Zeit federführend wurden: die Geisterjäger-Komödie „Ghostbusters“ (1984) und eine knappe Dekade später „Groundhog Day“ (1993), „Und täglich grüßt das Murmeltier“). Mit dem für alle Herzensbildung anfangs unempfänglichen Wetterpräsentator Phil Connors konnte Murray eine neue Facette seiner Persona ausprobieren: Misanthropie, die nach Erlösung ruft.

          Es war schließlich Wes Anderson, vielleicht der entfernteste Außenposten im neueren amerikanischen Kino, der Bill Murray zu dem Star machte, der er heute ist: Die Rolle des Magnaten Herman Blume in „Rushmore“ (1998) wurde in ihrer Mischung aus Infantilität und Trübsinn zu so etwas wie einer zweiten Berufung. Sofia Coppola bescherte diesem neuen Bill Murray, dem Hipster mit dem Air unrettbarer Einsamkeit, daraufhin in „Lost in Translation“ eine große Rolle und eine Szene für die Ewigkeit: Bei einer Karaoke-Interpretation von Roxy Musics „More Than This“ kann man sehen, wie weit Murray zu diesem Zeitpunkt schon von den Späßen seiner Comedy-Jahre entfernt war.

          Wes Anderson schreibt zwar alle paar Jahre wieder eine große Nebenrolle für ihn, gespannt warten die Fans zurzeit auf „The French Dispatch“. Mit Anderson, Sofia Coppola (ebenfalls schon fertig: „On the Rocks“, mit einer Rolle für Murray, die spannende Parallelen zu seiner realen Persönlichkeit aufweisen könnte) und Jim Jarmusch („The Dead Don’t Die“, 2019, vor allem aber „Broken Flowers“, 2005) hat Murray hochkarätige Fans. Und auch von der Vergangenheit lässt er sich noch gelegentlich einholen, für 2021 ist „Ghostbusters: Afterlife“ von Jason Reitman angekündigt. Zu seinem siebzigsten Geburtstag an diesem Montag kann man Bill Murray (und seinen Fans) nur wünschen, dass er der Welt noch lange erhalten bleibt. Obwohl er immer so deutlich danach aussieht, als hätte er mit dieser Welt längst abgeschlossen.

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