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Bildband über den schwedischen Regisseur : Die wunderbare Welt des Ingmar Bergman

Der Mann mit der Baskenmütze: Ingmar Bergman bei der Arbeit an seinem Film „Die Hafenstadt” im Jahr 1948 Bild: Taschen/Sjöbergs bilder

Dreiundsechzig Filme in knapp sechzig Jahren: Der Taschen Verlag hat einen opulenten Bildband über den schwedischen Regisseur Ingmar Bergman herausgebracht. Man kann darin sehen, wie lang der Anlauf war, den Bergman zur Meisterschaft gebraucht hat.

          Es ist schon in Ordnung, dass man mit diesem Buch jemanden erschlagen kann, denn mit Bergmans Kino kann man es auch. Dreiundsechzig Filme in knapp sechzig Jahren, das ist selbst für die Generation von 1918 (zu der immerhin der Hollywood-Routinier Robert Aldrich und der Horrorfilmproduzent Samuel Arkoff gehören) Weltrekord. Er brauche das Kino wie Essen und Schlafen, hat Bergman einmal gesagt - was natürlich auch für viele andere Regisseure gilt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber Bergman hatte ja auch noch das Theater. Auf der Bühne erholte er sich vom Drehen und umgekehrt, und in beiden Künsten erholte er sich vom Leben überhaupt. Kaum ein Großer des europäischen Films hat so wenig Alkohol, Tabletten und sonstige Drogen für seine Arbeit gebraucht. Bergman brachte seine Neurosen, seine Komplexe, seine Affären, sein Hals-, Kopf- und Herzweh auf die Leinwand. Deshalb sieht er auf den Fotos vom Dreh auch immer so fröhlich aus: Das Kino war für ihn die reine Kur.

          Langer Anlauf zur Meisterschaft

          Wenn es etwas gibt, das man aus den „Bergman Archives“ als halbwegs neue Erkenntnis mitnimmt, dann ist es die Einsicht, wie lang der Anlauf war, den Bergman zur Meisterschaft gebraucht hat. Neun Spielfilme hat er vor „Sommarlek“ (Nur einen Sommer, 1951) gedreht, dem ersten „richtigen“ Bergman-Film - auch wenn die bittersüße Romanze in den Schären vor Stockholm von heute aus bloß wie eine Stilübung für „Die Zeit mit Monika“ wirkt. Aus diesem Frühwerk gibt es bei uns nur „Durst“ von 1949 auf DVD, und wenn man Bergmans Autobiographie „Laterna magica“ glauben kann (die in den „Archives“ ausführlich zitiert wird, neben dem Filmhistoriker Peter Cowie, dem Regisseur Stig Björkman und vielen anderen), waren ihm diese ersten Gehversuche bald nur noch peinlich.

          So muss es aussehen: mit Liv Ullman bei den Setproben zu „Schande” (1968)

          Bergman war kein Originalgenie, er hat sich sein Virtuosentum hart erarbeitet, durch Anleihen bei Hitchcock, dem deutschen Expressionismus und dem französischen Kino der dreißiger Jahre. Als er aber seinen Ton gefunden hatte, machte er derart konsequent, was er wollte, dass er die schwedische Filmindustrie hinter sich ließ. Nach dem „Lächeln einer Sommernacht“, das die Goldene Palme in Cannes bekam, brauchte er keine Produzenten mehr, nur noch Buchhalter; den Rest erledigte er selbst.

          Kreativität durch Minutenschlaf

          Wenn man einen Sieben-Kilo-Band mit mehr als tausend Fotos durchblättert, bekommt man unvermeidlich einen Blick für Kuriositäten. Eine davon ist Bergmans geradezu märchenhafte Fähigkeit, sich beim Arbeiten zu entspannen. Bei einer Drehpause zu „Licht im Winter“ sieht man ihn mitten in der kalten Dorfkirche von Skattange auf einer Kirchenbank ein Nickerchen machen. Auf der Bonus-DVD, die dem Heft mit den deutschen Übersetzungen der „Archives“- Texte beiliegt, schläft er friedlich auf dem Rücksitz des Wagens, mit dem er die Drehorte zum „Siebenten Siegel“ gesichtet hat. Der Zusammenhang zwischen filmischer Kreativität und der Fähigkeit zum Minutenschlaf ist wissenschaftlich noch nicht erkundet; bei Bergman jedenfalls ist er evident.

          Eine andere Eigenart Bergmans ist seine - bei aller Empfindlichkeit gegenüber Kritik - absolute Mitleidlosigkeit gegenüber sich selbst. Die schärfsten Urteile über seine Filme hat er sich 1960 unter dem Pseudonym Ernest Riffe selbst ins Stammbuch geschrieben, etwa dieses: „Sobald Bergman schöpferisch tätig werden, eigene Erfahrungen lebendig werden lassen oder eigenen Geschöpfen eine Stimme geben soll, ist er verwirrt, unselbstständig und kraftlos, weil er, genau besehen, seinen Absichten misstraut.“ Er muss sich köstlich amüsiert haben, während er solche Sätze aufschrieb. Das grelle, kalte, windige Licht der Insel Farö, auf der er vierzig Sommer verbrachte, ist auch das Licht seines Blicks. Man sieht es in diesen Bildern, die alles Mögliche sind, traurig, komisch, grotesk, abgründig, zweideutig, banal - nur nicht sentimental.

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