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Bilanz Filmfestival Locarno : Sibel hat ein Gewehr, und Yara auch

  • -Aktualisiert am

Szene aus dem Siegerfilm von Locarno: „A Land Imagined“ von Yeo Siew Hua aus Singapur gewann den Goldenen Leoparden. In dem Film, der eine Mischung aus Thriller, Liebesgeschichte und Sozialdrama ist, geht es um Ausbeutung in ihrer modernen Form und um Rebellion. Bild: Films de Force Majeure

Starke Frauen, schwache Frauen, stumme Frauen, Schwestern, Mütter, Liebende, Rebellinnen: Das Locarno Festival beendet die Ära seines Leiters Carlo Chatrian mit einem überzeugenden Programm.

          Es war das letzte Mal, dass Carlo Chatrian, der 2020 die künstlerische Leitung der Berlinale übernimmt, das „Locarno Festival“ (so der offizielle Name) führte. Fast überkam einen Bedauern, dass dieser große Cineast, der das alte Kino so liebt und auf das aktuelle so neugierig ist, Locarno verlassen wird. Seine charmanten Moderationen, ob auf der Piazza vor 8000 Zuschauern oder vor den Wettbewerbsfilmen in der hässlichen FEVI, wird man vermissen, ebenso seine Aufmerksamkeit und sein Interesse im persönlichen Gespräch.

          Auch in diesem Jahr verband Chatrian in 293 Filmen das Alte mit dem Unbekannten, das Neue mit dem Bewährten. Der Popularität der Piazza – hier lief „Equalizer 2“ mit Denzel Washington, Spike Lees „Blackkklansman“ erhielt den Publikumspreis – stellte er in der „Pardi di domani“-Sektion das junge, unabhängige Autorenkino entgegen. Und wer sonst hätte den Mut gehabt, den 13-stündigen Episodenfilm „La Flor“, auf mehrere Vormittage verteilt, in den Wettbewerb zu heben und mit Meg Ryan einen fast schon vergessenen Star des Hollywood-Kinos der Neunziger zu ehren? Wer Chatrian nachfolgt, wird Ende August bekanntgegeben.

          Frauen im Augenmerk des Wettbewerbs

          Während die Filmauswahl im letzten Jahr vor allem prägnante Männerfiguren präsentierte, standen in diesem Jahr Frauen im Augenmerk des Wettbewerbs. Schon beim Durchblättern des Katalogs fiel eine Besonderheit auf: „Diane“ und „Sibel“, Alice T.“ und „Yara“ stellten ihre Protagonistinnen bereits im Filmtitel namentlich vor. Es waren nicht immer starke Frauen. Manchmal waren sie auch nur trotzig oder unvernünftig, verängstigt oder verletzlich, selbstlos oder egoistisch. Nicht immer wurden sie in ihren Rollen als Mutter, Tochter oder Schwester den Erwartungen anderer gerecht.

          In „Diane“, dem Spielfilmdebüt des New Yorker Kritikers Kent Jones, kümmert sich eine Frau um die sechzig in den schneebedeckten Wäldern von Massachusetts nur um andere, zum Beispiel ihren drogenabhängigen Sohn. Wichtige Kontaktpersonen, ihre Cousine und ihre beste Freundin, sterben, sie selbst vereinsamt immer mehr. Ein starkes, ruhig erzähltes Drama, getragen von einer überzeugenden Schauspielerin: Mary Kay Place.

          Eigensinnige, versehrte Heldin

          Mit „Sibel“, der sowohl den Preis der Ökumenischen Jury als auch der Internationalen Filmkritik (FIPRESCI) erhielt, präsentierte das französisch-türkische Regie-Duo Cagla Zencirci und Guillaume Giovanetti eine eigensinnige, versehrte Heldin. Die 25 Jahre alte Sibel lebt mit Vater und jüngerer Schwester in einem abgelegenen Bergdorf am Schwarzen Meer. Seit einer schweren Krankheit ist sie stumm und kann sich mit ihren Familienangehörigen nur durch Pfeifen verständigen. Dass dieses Pfeifen die Funktion von Sprache übernimmt, die nur wenige verstehen, ist eine eigenwillige, zu stark geratene Drehbuchidee, die manchmal die Geduld des Zuschauers strapazierte. Sibel, von den Dorfbewohnern gemieden, streift allein durch die Wälder, wehrhaft ein Gewehr in der Hand. Sie findet einen Flüchtling, der als Terrorist gesucht wird. Mehr erfährt der Zuschauer nicht. Zencirci und Giovanetti setzen viele Leerstellen, die man füllen muss. Der Mann blickt, ihrer Schönheit wegen, anders auf Isabel als die Dorfbewohner. Plötzlich liegt eine erotische Spannung über dem Film, die sich nur schwer lösen lässt. Immer wieder fängt die Kamera das Gesicht der Titeldarstellerin Damla Sönmez leinwandfüllend ein, wie es nach Anerkennung sucht, vielleicht aber auch nach Erlösung.

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