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Filmfestival von Locarno : Gut erfunden ist anders wahr

  • -Aktualisiert am

Vitalina Varela spielt in dem gleichnamigen, preisgekrönten Film sich selbst. Bild: Filmfest Locarno

Zwischen Spiel und Dokumentation, Hollywood, Lissabon und Nordafrika: Das Filmfestival von Locarno hat gezeigt, was ein breites Kunstspektrum im Kino heute bedeutet.

          Oben ist nicht unten“ sagt Jette einmal, die Hauptfigur in Ulrich Köhlers neuem Film und Wettbewerbseitrag in Locarno „Das freiwillige Jahr“, ein Hinweis darauf, dass einiges durcheinander geraten wird. Jette will ein soziales Jahr auf Costa Rica verbringen, ihr Vater Urs bringt sie zum Flughafen. Doch eine vergessene Fotokamera führt vom Weg ab, Jettes Freund, der wegen ihrer bevorstehenden langen Abwesenheit schon Schluss gemacht hatte, bringt sich in Erinnerung, plötzlich ist das Flugzeug verpasst, und das Augenmerk verschiebt sich auf Urs, der sich von seiner Tochter verraten fühlt, der gerne mehr wäre als nur Landarzt, dem die Beziehung zu seiner Sprechstundenhilfe nicht geheuer ist und der für seine Patienten keine Empathie aufbringt.

          Köhler und sein Co-Autor und Co-Regisseur Henner Winkler haben eine Vorliebe für extreme Figuren und beschreiben einen Mann im Taumel. Er nervt, er ist unfreundlich, er überschreitet Grenzen. Und mit einem Mal beschleicht einen das Gefühl, dass Jette auf der Flucht vor ihm ist, aber auch vor der westfälischen Provinz (gedreht wurde in Detmold und Umgebung). Und wenn Jette sich zu Beginn von einem kleinen Esel verabschiedet, ist die Assoziation zu Robert Bresson und seinem Film „Zum Beispiel Balthasar“ durchaus beabsichtigt.

          Offen für alle Genres und Kontinente

          Wachablösung in Locarno. Während Vorgänger Carlo Chatrian die nächste Berlinale vorbereitet, hat Lili Hinstin, 1977 in Paris geboren und zuvor Leiterin des Internationalen Filmfestivals Entrevues Belfort, die künstlerische Direktion übernommen. Sie ist die zweite Frau nach Irene Bignardi, die in Locarno das Sagen hat. Mit schüchternem Charme und schwerem französischen Akzent führte sie in die öffentlichen Vorführungen ein und stellte die Ensembles der Filme vor. Schon im Geleitwort des Kataloges betonte Hinstin, „offen für alle Genres, alle Kontinente und alle Darstellungsformen“ zu sein.

          So hatte der Wettbewerb, neben den Vorführungen auf der Piazza Grande das Herzstück von Locarno, in diesem Jahr eine fast schon eklektische, heterogene Bandbreite. Vieles war möglich, von Joao Nicolaus banalem Unsinn „Technoboss“ (Ein vor der Pensionierung stehender Sicherheitstechniker verliebt sich noch einmal und fängt plötzlich zu singen an.) über Koji Fukadas streng-kühl-enigmatischem „A Girl Missing“ und Rabah Ameur-Zaimeches aufrüttelndem nordafrikanischen Arztschicksalsrama „Terminal Sud“ bis zu Nadege Trebals eigenwillig inszenierter, hocherotischer Liebesgeschichte „Douze Mille“. Gewonnen hat den Wettbewerb die düstere Slumstudie „Vitalina Varela“ des Portugiesen Pedro Costa.

          Der portugiesische Filmregisseur Pedro Costa mit seinem Goldenen Leoparden

          Einer der – neben „Das freiwillige Jahr“ – gelungensten, vielleicht sogar schönsten Filme des Wettbewerbs war „The Last Black Man in San Francisco2, geschrieben und inszeniert von Joe Talbot, der das Projekt zusammen mit einem der Hauptdarsteller, Jimmie Fails, entwickelt hatte. Schon die Anfangsbilder machen mit der Nachbarschaft vertraut, in der zwei junge, schwarze Männer leben. Langsam gleitet die Kamera dahin, fängt spielende Kinder, geschäftige Frauen und herumstehende Männer ein, dazu ein besonderer Soundtrack, der sich bekannten Soulmusic-Klischees verweigert. Jimmie will hier weg, in ein Haus, dass sein Großvater nach dem Krieg in einem besseren Stadtteil gebaut hat. Irgendwie kann das nicht stimmen, das Haus ist wesentlich älter, mit Balkonen, Erkern, einem Turm und einem Hexenhausdach hat es fast schon etwas Verwunschenes. Trotzdem hält Jimmie an dem Traum fest, hier, im weißen Fillmore-District, einmal wohnen zu wollen. San Francisco ändert sich, doch die Menschen bleiben dieselben, nicht immer versteht man ihr Handeln, und aus dieser Kluft bezieht der Film seine Spannung.

          Nicht immer standen Menschen im Mittelpunkt

          In einen ganz anderen Mikrokosmos entführte die italienisch-argentinische Koproduktion „Maternal“, geschrieben und inszeniert von Maura Delpero, die zuvor mit Dokumentationen zahlreiche Preise gewann. Der Ort ist ein katholisches Heim für minderjährige Mütter in Buenos Aires. Zwei Protagonistinnen greift die Inszenierung heraus, die eine aufbrausend und lebenshungrig, die andere introvertiert und verantwortungsbewusst.

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