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Filmfestival von Locarno : Gut erfunden ist anders wahr

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Nicht immer standen Menschen im Mittelpunkt des filmischen Geschehens in Venedig. Laika hieß der Hund, den die Russen 1957 ins Weltall jagten, als erstes Lebewesen, aber ohne Aussicht auf sichere Rückkehr. Für die Autoren, Produzenten und Regisseure Elsa Kremser und Levin Peter Anlass für ein erhellendes filmisches Essay, „Space Dogs“, das den Neben-Wettbewerb „Cineasti del presente“ überragte. Zum einen zeigen sie in dokumentarischen Archivbildern, wie damals vor allem Hunde, aber auch Menschenaffen in die Erdumlaufbahn geschickt wurden. Die meisten Tiere starben, doch einige überlebten.

Der Sage nach soll Laika als Geist auf die Erde zurückgekehrt sein und im Körper anderer Hunde durch Moskau streunen. Darum verfolgen die Regisseure auf einer zweiten Ebene in der Gegenwart zwei Hunde, die sich in den Straßen herumtreiben, einander begleiten oder sich anfletschen. Einmal sieht die Kamera minutenlang dabei zu, wie der aggressivere der beiden eine Katze reißt und ihr das Genick bricht. Das ist fast so grausam wie die klinisch-sterilen Bilder aus den biologischen Laboren.

Terroristen im Cockpit

Auf der Piazza Grande, dem großen Publikumsmagneten, lief Tarantinos „Once Upon A Time... in Hollywood“ vor 9500 Zuschauern. Nicht ganz so viele waren es bei dem deutsch-österreichischen Thriller „7500“, dem Langfilmdebüt von Patrick Vollrath. Joseph Gordon-Levitt spielt darin den amerikanischen Co-Piloten Tobias, der an diesem Abend mit seinem Kollegen einen Flug von Berlin nach Paris steuert. Doch plötzlich wollen vier islamistische Terroristen das Cockpit stürmen.

Die Aktion verläuft nicht wie geplant, Tobias ist mit einem ohnmächtigen Entführer allein im Cockpit, unter keinen Umständen darf er die Tür öffnen. Das ist die einfache Prämisse für ein aufregendes Stück Spannungskino, bei dem sich Vollrath eng an die Einheit von Ort und Zeit hält. Durch die Freundin des Piloten, die als Stewardess mit an Bord ist, verstärkt sich das moralische Dilemma. Dabei zeigt sich Vollrath deutlich von Paul Greengrass und seinem Film „Flug 93“ (über das vierte Flugzeug vom 11.9.2001) beeinflusst, bei dem auch die Passagiere eingriffen.

Wichtig in Locarno ist auch die kleine Sektion „Settimana della critica“, bei der an sieben Tagen sieben Dokumentarfilme laufen. In „Murghab“ verfolgen die Filmemacher Marlen Elders, Martin Saxer und Daler Kaziev das Leben in der gleichnamigen Kleinstadt, die in 3600 Metern Höhe in Tadschikistan liegt. Zu Sowjetzeiten funktionierten noch Zentralheizung und Strom, jetzt mangelt es an allem. Verdammt kalt ist es hier. Trotzdem suchen mehrere Männer im kargen Boden des Umlandes nach ausgetrockneten Büschen, rupfen sie aus und stecken sie geschickt zu großen Bündeln zusammen, die sich dann verheizen lassen. Die Bewohner sind nicht verbittert, im Gegenteil: Warum sollten sie hier wegziehen? Und wohin? Ein aufschlussreiches Porträt, das ganz ohne Kommentar auskommt und nur die Menschen sprechen lässt.

Locarno blickt auch stets zurück in die Filmgeschichte, diesmal mit der Retrospektive „Black Cinema“, oder zur Seite, um aktuelle Filmemacher oder Schauspieler zu ehren. So ging der Premio Raimondo Rezzonico an die deutsche Produktions-Firma Komplizen Film, die für „Toni Erdmann“ verantwortlich ist. Regisseurin Maren Ade und ihre Kollegen Jonas Dornbach und Janine Jackowski berichteten im öffentlichen Gespräch, wie sehr sie der Erfolg von „Toni Erdmann“ überrascht und dann auch in den USA viele Türen geöffnet habe, dass sie – vor die Wahl gestellt – zwischen gutem Drehbuch und gutem Regisseur immer den Regisseur wählen, dass sie jetzt sehr unterschiedliche Filmprojekte betreuen und sich somit die inhaltliche Bandbreite der Firma geöffnet habe.

Hillary Swank, bekannt durch „Million Dollar Baby“ (2004) und „Amelia“ (2009), erhielt den Leopard Club Award und erwies sich bei der Preisübergabe als bescheidene und uneitle Schauspielerin, die auf die Frage nach ihrer Lieblingsrolle keine entschiedene Antwort gab. Sie wolle keine ihrer Figuren bevorzugen, fühle sich aber realen Personen wie zum Beispiel der Fliegerin Amelia Earhart sehr verpflichtet. Bei fiktiven Charakteren könne sie hingegen ihre Phantasie spielen lassen. Swanks Dank für die Erfüllung und den Lebenssinn, den ihr das Kino gegeben hat, war echt.

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