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Bilanz der Golden Globes : All diese Gesichter des Wandels!

Sandra Oh mit ihren Serienkolleginnen Jodie Comer (rechts) und Phoebe Waller-Bridge bei den Golden Globes Bild: AP

Bei der Verleihung der Golden Globes im vergangenen Jahr war der Protest gegen Diskriminierung und Sexismus Hauptthema des Abends. Ein Jahr später scheint alles beim Alten. Wirklich alles?

          Dass das Filmbranchenjahr 2018 und seine vielen schwarzen Roben Wirkung gezeigt haben, ließ sich schon an den Nominierungen der 76. Golden Globes ablesen: Eine Marvel-Verfilmung, die nur schwarze Helden zeigt, die Geschichte eines Afroamerikaners, der sich beim Ku-Klux-Klan einschleust, ein Film über die verkannte Frau eines Literaturnobelpreisträgers, einer über einen aidskranken, homosexuellen Jahrhundertmusiker, die Verfilmung eines Romans von James Baldwin: Minderheiten, Diskriminierte, Unterschätzte hatten es bei den zweithöchsten Auszeichnungen Hollywoods in Beverly Hills am Sonntagabend zuhauf auf die Agenda geschafft.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das letzte Jahr hatte den Ton gesetzt, als Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller des Abends aus Empörung über Weinstein und Co. mehr über den roten Teppich marschierten als dort zu posieren, verwiesen wurde auf frauennamenfreie Nominierungslisten (Natalie Portman), Oprah Winfrey sah schon eine neue Ära der Selbstermächtigung hinter dem Horizont aufziehen. Dieser Ton enthielt eine deutliche Weisung: Back to normal-Reflexe würden nicht gestattet.

          Provokativ oder bahnbrechend?

          Jetzt also die Fortsetzung. Die koreanisch-kanadische Schauspielerin Sandra Oh, die (als erste asiatischstämmige Frau) gemeinsam mit dem „Brooklyn Nine-Nine“-Comedian Andy Samberg die Veranstaltung moderierte, bemerkte hoffnungsvoll, dass die Veränderungen in der Branche sich an den nominierten Filmen und Schauspielern widerspiegelten. „Ich sehe euch, all diese Gesichter des Wandels, und alle anderen sehen euch auch!“, rief sie und blickte auf einen Saal im Beverly Hilton Hotel, in dem sich immerhin ein Bruchteil der Zuhörer angesprochen fühlen konnte. Später nahm sie dann, ebenfalls als erste ihrer Herkunft, den Preis der besten Fernsehserien-Darstellerin für ihre Rolle in „Killing Eve“, der Serie über die Jagd auf eine psychopathische Auftragsmörderin, entgegen.

          Den Golden Globe der besten Schauspielerin gewann Glenn Close dafür, wie sie in „The Wife“ die Königsmacherin eines Literaturnobelpreisträgers darstellte – eine Entscheidung, die nach einem zu Ende gegangenen Jahr ohne Nobelpreis durchaus als bedeutungsvoll gewertet werden kann. „Wir müssen persönliche Erfüllung finden“, sagte Close, sie erinnerte an ihre Mutter und deren Versagungen und empfahl Frauen, an sich zu glauben. Ein guter Tipp, und wenn man nach dem Oprah-Winfrey-Moment der diesjährigen Gala sucht, ist es wohl dieser. Provokativ oder bahnbrechend war freilich nichts daran. Überhaupt überwog der Ärger, dass wegen Close nicht Lady Gaga beste Hauptdarstellerin wurde, die als selbstkritische Musikerin in „A Star Is Born“ viele Nutzer sozialer Medien glücklich gemacht hatte.

          Damit erschöpfen sich auch schon die erinnerungswürdigen Momente dieses Abends. Unter den Regisseuren war in diesem Jahr wieder keine Frau und es gab auch keine Natalie Portman auf der Bühne, die eine spitze Bemerkung dazu parat gehabt hätte.

          Der Blickfang: Lady Gaga war mit „A Star Is Born“ eigentlich Favoritin des Abends, einen Preis gab es „nur“ für den besten Filmsong. Die Aufmerksamkeit war dennoch verdient. Bilderstrecke

          In der Kategorie „Beste Komödie“ gewann die Filmbiografie „Green Book“ über den schwarzen Jazz-Pianisten Don Shirley. Mahershala Ali, der für seine Rolle in „Moonlight“ mehr als einen Oscar verdient gehabt hätte und für „House of Cards“ sowieso, bekam den Preis als bester Nebendarsteller. Beste Nebendarstellerin wurde Regina King, sie spielt in „If Beale Street Could Talk“ eine Schwangere, deren afroamerikanischer Freund zu Unrecht im Gefängnis sitzt. King empfahl in ihrer Dankesrede eine Selbstverpflichtung aller Branchen zu einem Frauenanteil von fünfzig Prozent. Viele klatschten, einige standen auf. Und Emma Stone entschuldigte sich per Zwischenruf für ihre Rolle in der Komödie „Aloha“, in der sie eine Asiatin spielt.

          All das sind Zeichen. Die Zeichen deuten wollte diesmal niemand. Zu groß war der Wunsch nach Normalität. Wer den Wandel, von dem Sandra Oh sprach, feststellen wollte, durfte nicht nach einem Aufschrei lauschen. Das ist nach 2018, dem Jahr der Aufschreie, neu. Aber es könnte auch bedeuten, dass die Veränderung ein tolerierter Teil dieser Normalität geworden ist – wenn man von einem Abend in Hollywood auf irgendetwas schließen wollte.

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