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Bilanz der Berlinale : Nimm das, Hollywood!

Luna Wedler und Jannis Niewöhner in „Je suis Karl“ von Christian Schwochow Bild: Pandora Film

Die Berlinale, die kein Festival war, sondern eine geschlossene Internetveranstaltung, ist zu Ende: Es war eine Woche einsamer Urteile, unsicherer Gefühle – und ausschweifender Filme.

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          Was dieser Berlinale am schmerzlichsten fehlte, das waren alle anderen: die Leute, die im Kino sitzen und stöhnen, gähnen, lachen und im Glücksfall still sind in den intensiveren Momenten. Sie geben einem Film ja erst den Hallraum und erinnern den Kinogänger immer wieder daran, dass Filme zu betrachten nicht nur das reine Schauen ist – sondern immer schon derAnfang eines Gesprächs.

          Claudius Seidl

          Redakteur im Feuilleton.

          Wer weiterhin fehlte, waren jene, die, wenn der Film zu Ende ist, gesprächig werden und bereden müssen, was man da eben gesehen hat. Meistens ist ja einer dabei, der gut und richtig fand, was einem selber missfallen hat. Wer liebt, hat aber recht, und so kommt es oft genug dazu, dass man die eigene Meinung überdenkt. Schon weil einsame Urteile der Kollektivkunst des Kinos überhaupt nicht angemessen sind.

          So einen Gesprächspartner hätte man dringend gebraucht nach Dénes Nagys Film „Természetes fény“ („Natürliches Licht“), der vor allem von künstlerischer Dunkelheit und einem umnachteten Helden erzählt. Eine ungarische Spezialeinheit in den Wäldern und Sümpfen der Ukraine; es ist der Zweite Weltkrieg, der hier vor allem ein Partisanenkrieg ist. Die Kamera schaut auf braungraue Wälder, so lang, bis man denkt, die Bäume werden gleich zusammenkrachen unter den Zentnerlasten von Bedeutung. Sie schaut auf einen winterlichen Fluss, auf ein Dorf im Dämmerlicht, vor allem schaut sie aufs Gesicht des Helden, das mal sehr traurig ist, dann nur normal traurig, später wieder tieftraurig. Gesichter sehen wie Landschaften aus, die Landschaften wie Gesichter – es sind Prätentionen, von denen man dachte, dass sie spätestens seit dem späten Andrej Tarkowski verbraucht, erledigt und in den hintersten Ecken des Archivs verstaut seien. Wobei es noch die angestrengteste Tarkowski-Inszenierung immer schaffte, den Raum, in dem sie spielte, auch für den Betrachter zu erschließen. Bei Nagy weiß man bis zum Schluss nicht, ob der Fluss links oder rechts an dem Dorf vorbeifließt, weil der Regisseur vor lauter Kunstwollen diese Respektsgeste gegenüber dem Publikum vergessen hat.

          Wer spricht, wenn der Film spricht?

          Was fehlte, waren die Pressekonferenzen, die oft quälend langweilig und redundant sind, in fürchterlichem Pidgin-Englisch geführt werden und manchmal nicht mehr Erkenntnisgewinn bringen, als dass alle Beteiligten sich wirklich sehr gut verstanden haben und sehr froh sind über ihren Film. Wenn die Werke sprechen, sollen deren Schöpfer schweigen, sagen all jene, die die Werke gern gegen die Intentionen der Autoren betrachten. Aber je weiter der Weg ist, den ein Werk bis zur Berlinale zurückgelegt hat, desto interessanter wird die Frage nach diesen Intentionen. Und wie anmaßend wäre es denn, keine Fragen zu haben, zum Beispiel an den georgischen Regisseur Alexandre Koberidze, dessen Film „Ras vkhedavt, rodesac cas vukurebt?“ („Was sehen wir, wenn wir in den Himmel sehen?“) man zwar auch ohne Anleitung des Autors versteht, mit ihr aber womöglich noch besser. Es ist das Märchen von einem jungen Mann und einer jungen Frau, die sich ineinander verliebt haben und einander verpassen beim Rendezvous. Und seither liegt auf ihnen der Fluch, dass sie, wenn sie sich begegnen, einander nicht mehr erkennen – bis sich, gewissermaßen, ein Wunder ereignet.

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