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„Big Brother“ : Das bessere Leben

  • -Aktualisiert am

Das hat sich gelohnt: „Big Brother”-Sieger Sascha Bild: dpa/dpaweb

Die sechste Staffel von „Big Brother“ hat begonnen. Das Verstörende an der Sendung ist, daß sie für einen bestimmten Typ von Menschen zu einer echten Alternative zum selbstbestimmten Leben wird.

          Der letzte Tag war der längste. Die verbliebenen sieben Bewohner des „Big Brother“-Hauses dachten, daß am Montag nach 364 Tagen der Gewinner gekürt würde.

          Aber dann mußten die letzten zwei, die fünfundzwanzigjährige Promoterin Franzi und das siebenundzwanzigjährige Model Sascha, noch einen Tag allein im Haus ausharren. Endlose Stunden Wartezeit, deren Ende sie nicht kannten. Bis in den späten Abend saßen sie auf dem Sofa, sekttrinkend, händchenhaltend, weinend, sich drückend, verzweifelnd, Opfer einer Produktion, die nur ein Mittel kennt, die Spannung zu steigern: das Hinauszögern aller Entscheidungen über jedes Maß hinaus.

          Eine Million für Sascha

          Es ging auf Mitternacht zu, als der Sender RTL 2 beschloß, nun endlich genug Quote und genug Geld mit kostenpflichtigen Anrufen gemacht zu haben, und Sascha erfuhr, daß er von den Zuschauern mit knapper Mehrheit zum Gewinner gewählt worden sei. Er bekommt eine Million Euro für ein Jahr Leben in einem Haus voller Kameras und Mikrofone, künstlichen Regeln, harten Strafen und wilden „Matches“. Sascha kündigte an, nun mit seiner Freundin Serena eine Familie zu gründen. Diese seine geliebte Serena, der er schluchzend in den Arm fiel, hat er im vergangenen Jahr ein einziges Mal gesehen, bei einem Überraschungsbesuch im Haus, für ganze drei Minuten.

          Die letzte Entscheidungssendung der fünften Staffel war, wie so viele vorher, keine Qualitätsproduktion. Die Moderatorin Ruth Moschner spielt inzwischen die überkandidelte Karikatur ihrer selbst mit routinierter Langeweile und trug ein Monsterdirndl, das aussah, als müsse sich der Sieger die Million am Ende in kleinen Scheinen aus ihrem Dekollete herauswühlen. Der Etat, um das Finale zu zelebrieren, war offenbar ähnlich begrenzt wie der Einfallsreichtum und die Professionalität der Verantwortlichen.

          Bewegende Momente

          Und doch hatte die Show erstaunlich bewegende Momente. Etwa als Franzi und Sascha sich noch im Haus anschauten, was sie im vergangenen Jahr erlebt haben, nicht zuletzt Momente wie der, als sie hinter seinem Rücken über ihn lästerte - eine Szene, die „Big Brother“ ihm später zeigte, woraufhin er sagte, daß sie seine größte menschliche Enttäuschung im Haus sei, was nun wieder sie am Dienstag zu sehen bekam. Ein endloser Rückkopplungseffekt, dem man sich allerdings schwer entziehen kann, wenn man sich auf ihn einläßt.

          Kurz bevor er das Haus verließ, sagte Sascha, wie froh er sei, nun endlich gehen zu können. Trotzdem wird kaum ein Wort „Big Brother“ weniger gerecht als der Begriff vom „Fernsehknast“. Die meisten der Kandidaten haben in ihrer Zeit im Haus mehr erlebt, als sie in irgendeinem Jahr ihres Lebens erleben werden. Sie haben sich gestritten und versöhnt, nahmen an Marathonläufen teil oder hingen an Hubschraubern, lernten, daß der erste Bundespräsident nicht Helmut Kohl heißt und man Ärger bekommt, wenn man Witze über Auschwitz reißt, verliebten sich und gewannen mehr Geld, als sie je zu träumen wagten.

          Unter der Willkürherrschaft

          „Big Brother“-Kandidaten werden in der Öffentlichkeit vor allem als Idioten wahrgenommen. Wer sonst würde sich dafür entscheiden, ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit gegen eines zu tauschen, das in jeder Hinsicht beschränkt ist: auf wenige Quadratmeter Raum, unter der Willkür-Herrschaft einer Produktionsfirma, mit kindischen Ritualen, mit Straf- und Belohnungszimmern, ohne Kontakt zum „wahren Leben“ draußen - und das alles zum Ergötzen fremder Leute, deren Zu- oder Abneigung nicht kalkulierbar ist.

          Daß Menschen für drei Monate ihre eigene Existenz gegen ein „Big Brother“-Leben tauschten, war gerade noch nachvollziehbar. Daß es welche gab, die auch eine einjährige Auszeit nehmen, schon nicht mehr. Daß Menschen nun für die sechste Staffel, die gestern begann, sogar bereit sind, sich auf eine unbestimmte Zeit, möglicherweise ein Leben lang, darauf einzulassen, ist ernsthaft beunruhigend. Aber nicht zuletzt deshalb, weil es so schwerfällt, rationale Gründe dafür zu finden, warum eine solche Art von Fernsehen und eine solche Art von Leben abzulehnen sind.

          Im Fernsehen statt davor

          Was verpaßt ein Kandidat, der aus einfachsten Verhältnissen kommt, arbeitslos ist, kein Geld hat, keine Möglichkeiten, keine Fantasie, in den vielleicht zwei Jahren, die er im „Big Brother“-Haus verbringt? Er verbringt viele Stunden im Fernsehen statt vor dem Fernseher, er muß sich nicht darum sorgen, ob er die Miete bezahlen kann, er muß sich vielleicht sein Essen mit Arbeit verdienen, aber wenigstens kann er es sich verdienen. Die Produktion läßt ihn, um die Zuschauer zu unterhalten, Abenteuer erleben, die er sonst nie erlebt hätte.

          In der neuen Staffel sitzen die Kandidaten nicht mehr rum, rauchen und öden sich an, sondern arbeiten und lernen und machen Karriere oder auch nicht. Die Show wird immer mehr zu einer Simulation echten Lebens. Das Verstörende an „Big Brother“ sind längst nicht mehr der Voyeurismus und Exhibitionismus; es geht nicht mehr um Sex und Jugendschutz, Privatsphäre und Kameras auf dem Klo.

          Das Verstörende an „Big Brother“ ist, daß die Sendung für einen bestimmten Typ von Menschen vor allem vom immer breiter werdenden Rand der Gesellschaft zu einer echten Alternative zum selbstbestimmten Leben wird. Sie entscheiden sich nicht aus Dummheit für eine erhebliche Zeit im „Big Brother“-Dorf, sondern weil sie dort im Vergleich zu ihrem eigentlichen Leben scheinbar nur gewinnen können - und zwar nicht nur Geld.

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