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„Bibliothek des Widerstands“ : Augen ohne Gedächtnis sehen nichts

Am 5. Oktober 1974 ermordet: Miguel Enríquez, Anführer der MIR, auf einer Demonstration gegen die Militärführung Bild: Laika Verlag

Wie parteilich ist das politische Kino? Was ist überhaupt politisches Kino? Antworten sucht die Bibliothek des Widerstands in hundert Filmen über soziale Kämpfe seit den sechziger Jahren.

          Jugendliche knien, Gesichter auf dem Asphalt, vor einer Reihe schwerbewaffneter Polizisten. Die Oberkörper der Gebeugten sind teils frei, die Mädchen tragen Büstenhalter, einem Jungen hat man den Gekreuzigten unters Genick tätowiert. Die Arme der meisten sind hinterm Rücken verschränkt, sie halten sich selbst bei den Händen, als wären sie gefesselt. Einige der Knienden richten sich jetzt auf und beginnen, die Polizisten zu beleidigen und anzuklagen: „Seid ihr bereit, Menschen zu vergessen und zu prügeln?“ „Arschlöcher!“ schreit einer, woraufhin jemand aus der langsam anwachsenden Menge der Umstehenden ruft: „Nicht schimpfen!“ Andere treten herzu, die Rufe werden schriller: „Spitzel, Mörder, Folterknechte!“ „Für die Banken Geld, für die Jugend Kugeln!“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Kamera schafft es einen winzigen Moment lang, sich auf einen der behelmten Männer in Spezialtruppenmontur zu konzentrieren; er ist nicht viel älter als die Protestierenden, hat dichtes schwarzes Haar und ein schönes, leicht verträumtes Gesicht. Sein Blick wirkt, als winde der Mann sich in Scham und mühsam beherrschter Wut. Die eher politische als räumliche Distanz, die seine Bedränger ermächtigt, ihn mit ihren Vorwürfen und Losungen zu konfrontieren, ist plötzlich filmisch aufgehoben, man empfindet mit dem Menschen, der ein Vollzugsorgan des staatlichen Gewaltmonopols ist und im Moment alles andere lieber wäre. Jemand brüllt: „Heute haben wir eine Menge Leute verprügelt - das wirst du deiner Mutter erzählen?“

          Ein ehrgeiziger Grundriss

          Die Szene währt fast acht Minuten und erhebt keinen Anspruch auf visuelles Raffinement; manchmal liegt das Blickgeviert geradezu unmotiviert schief. Es ist die beste Bildfolge in diesem Film; ähnlich anrührend überrascht nur noch eine kürzere, intime, in der nach einer Reihe frontal abgefilmter Statements junger idealistischer Feuerköpfe, die Sachen sagen wie: „Ich habe eine Welt ohne Staat gesehen“ oder „Die Utopie ist real“, ein alter Grieche müde erklärt, er sei infolge der Eskalation der Zustände im Land eines Morgens „aufgewacht in einer Welt ohne Menschen“ - zum Glück aber habe er seine Frau neben sich gefunden, denn „die Einsamkeit im Alter ist das Schlimmste“.

          Eine Fotowand mit Verschwundenen aus der Zeit der Militärregierung

          Der 2009 als dokumentaressayistische Reaktion auf die Erschießung des fünfzehnjährigen Alexis Grigoropoulus gedrehte Film „Schrei im Dezember“ (ein Titel, der den Polit-Kitsch nicht scheut, dem der Regisseur Kostas Kolimenos sonst ausweicht) gehört nicht nur aufgrund der Ereignisse von Spanien und London 2011 zu den aktuellsten in der Filmedition „Bibliothek des Widerstands“, deren ehrgeiziger Grundriss hundert Reportagen, Interviewaufnahmen, Archivfunde und andere Zeugnisse versammeln will. Erschienen sind inzwischen ein Dutzend; jeder DVD liegt ein Buch bei, das vertiefende Texte zur jeweiligen Materie (der amerikanische SDS, die Folterkeller Argentiniens, das Leben von Rudi Dutschke oder Phoolan Devis) bietet.

          Kein Recherchegeprotze, sondern Platz für eigene Gedanken

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