https://www.faz.net/-gqz-z60y

„Betty“ von Claude Chabrol : Zu Unrecht unterschätzt

  • -Aktualisiert am

Eine Situation, ein Milieu, eine Zwangslage: Sofort ist alles da, wenn Claude Chabrol den Trinkerroman „Betty“ von Georges Simenon verfilmt. Das war 1992. Im Jahr danach starb die Haupstdarstellerin Marie Tritignant an den Folgen eines Eifersuchtsdramas mit dem Sänger Betrant Cantat.

          „Möchten Sie eine Kleinigkeit essen?“ So lautet der erste Satz von Georges Simenons Roman „Betty“, und man könnte jetzt sagen, dass es kein Wunder ist, wenn ein Buch, das so beginnt, einem Gourmet wie Chabrol Appetit macht. Aber es ist ein Trinkerroman, genauer: ein Trinkerinnenroman, und auch wenn das kein Widerspruch ist, weil jedem Gourmet natürlich auch der Rausch vertraut ist, handelt „Betty“ doch von Menschen, denen das Flüssige so sehr Nahrung ist, dass sie für andere kulinarische Genüsse unempfänglich sind.

          Aber so wie Chabrol immer der diskrete Charme der Bourgeoisie faszinierte und er sehen wollte, wie seinesgleichen von allem eingeholt wird, was durchs Savoir-vivre mühsam gezähmt schien, so scheint er in „Betty“ überprüfen zu wollen, was dort passiert, wo der Alkohol nicht mehr angenehme Begleiterscheinung und Treibstoff des Wohllebens ist, sondern einziger Lebensinhalt.

          Der zweite Satz: „Sie schüttelte den Kopf. Es schien ihr, als habe die Stimme, die sie hörte, einen unnatürlichen Klang, so als hätte jemand hinter einer Glasscheibe gesprochen.“ Das ist Simenon: Zwei Sätze, und man ist mittendrin. In einer Situation, einem Milieu, einer Zwangslage. Wie macht Chabrol das? Er zeigt eine Frau, Marie Trintignant als Betty, auf einer Pariser Straße, das leicht derangierte Haar in Kontrast zu dem weißen Chanel-Kostüm, mit dem abgehackten Schritt derer, die es eilig haben, aber nicht mehr ganz sicher auf den Beinen sind und denen es längst egal ist, ob diese Diskrepanz irgendjemandem auffällt.

          Tauschgeschäft aus Attraktivität und Geld

          Das dauert nur Sekunden, und dann betritt Betty eine jener Bars, hinter deren kleinen Scheiben das Tageslicht ohnehin keine Wirkung zeigt. Den Zusatz „als hätte jemand hinter einer Glasscheibe gesprochen“ nimmt Chabrol ganz wörtlich und zeigt während der Vorspanntitel durch die Scheiben, wie sich Betty an den Tresen setzt, wie sie bestellt und auch gleich angesprochen wird.

          Der Mann gibt sich als Arzt zu erkennen: Ihr fällt an ihm vor allem auf, dass er so grau ist. Oder um es mit Simenon zu sagen: „Grau war alles an ihm: seine Augen, sein Haar, seine Haut, ja sogar seine Krawatte und sein Hemd. Nicht einmal eine Spur von Farbe war zu sehen.“ Bei Chabrol wird er von Pierre Vernier gespielt, einem Mann, für den eine Bekanntschaft wie Betty ein ähnlicher Glücksfall ist wie eine Ehe mit Stéphane Audran für Michel Bouquet in „Die untreue Frau“. Wie eigentlich alle Beziehungen bei Chabrol ein Tauschgeschäft sind zwischen der Attraktivität der Frauen und den finanziellen Möglichkeiten der Männer, in dem seine Sympathie bei den Frauen ist, aber selten auch das glückliche Ende.

          Betty also, eine Bürgersgattin, die aus diesen oder jenen Gründen in den Alkohol geflüchtet ist und dabei die Kinder aufgegeben hat, was die Sucht in jenen freien Fall verwandelt hat, in dem sie sich gerade befindet. Das wird in Film und Vorlage in Rückblenden erzählt.

          Aus dem Bett des Nächstbesten

          Was Chabrol auslässt, ist der Umstand, dass Betty aus dem Bett des Nächstbesten kommt, der sie vergangene Nacht mitgenommen hat, und sich schmutzig fühlt. Aber wenn man will, kann man es sehen an der Art, wie Marie Trintignant Betty spielt: als Frau, die längst aufgehört hat, sich Gedanken zu machen, und deswegen im Auto des Arztes sitzt, ohne dass ihre unbeantworteten Fragen nach dem Fahrziel ihr irgendeine Unruhe bescherten.

          Sie fahren an einen Ort, der „Le Trou“ heißt: Das Loch. Eine Art Trinkerparadies, in dem der äußere Rahmen der Wohlanständigkeit fröhlich aufrechterhalten wird, obwohl alle dem Alkohol auf eine Weise verfallen sind, die eher beunruhigend ist. Betty aber nimmt weder die Gefahr wirklich wahr, noch versteht sie, was mit ihrem Gegenüber, dem soignierten grauen Arzt, passiert ist. Aber sie nimmt noch wahr, dass eine ältere Frau sich um sie kümmert und sie mitnimmt, als sie das eine Glas zu viel trinkt. Und als sie am anderen Morgen erwacht, sieht sie, wie im Nebenzimmer ihre Retterin und der Wirt im Liebesakt stöhnen. Aber das ist eine andere Geschichte.

          „Betty“ von 1992 ist Chabrols am meisten unterschätzter Film. Weil er als Einziger begriffen hat, wie man all das, was Simenon in seinen Romanen beschreibt, mitschwingen lassen kann, ohne es zu zeigen. Dass seine Hauptdarstellerin ein so trauriges Ende fand, scheint diesen Umstand nur noch zu unterstreichen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Immer mehr, immer größer, immer schneller: Autos auf den Straßen von Berlin.

          Wandel der Mobilität : Augen auf vorm Autokauf!

          Ob Auto, Bahn oder Fahrrad – Mobilität ist individuell und abhängig von Bedürfnissen und Lebensumständen. Doch jeder sollte bereit sein, sich zu hinterfragen.

          Größte Computerspiele-Messe : Das sind die Kracher der Gamescom

          In Köln läuft noch bis heute ein kunterbuntes Festival – die Gamescom: Was ist dort neu? Welche Bedeutung spielt die Cloud? Und: Warum begeistern dystopische Spiele und Außenseiterrollen die Gamer? Das und mehr im neuen Digitec-Podcast.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.