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Berlusconi-Film : Satire ist, wenn man trotzdem lacht

  • -Aktualisiert am

Staatsmann im Koffer: „Bye Bye Berlusconi!” Bild: Berlinale

Ein Film über die Entführung Silvio Berlusconis, in Italien noch nicht gezeigt, feiert auf der Berlinale Premiere. Regisseur Jan Henrik Stahlberg über sein Werk, Anwälte im Schneideraum und die Suche nach einem Doppelgänger.

          Zu Bier und Nüssen wird in den Weihnachtstagen 2003, die wir mit Lucia Chiarlas Familie in Genua verbringen, so mancher Videoabend veranstaltet - das Fernsehen ist in Italien noch unerträglicher als in Deutschland. Lucia Chiarla ist Schauspielerin, meine Lebensgefährtin, Mutter unseres Sohnes und - was ich in diesem Moment noch nicht weiß - auch Hauptdarstellerin und Co-Autorin meines nächsten Films.

          Eines Abends ist es dann soweit: „Buongiorno notte“ von Marco Bellocchio wird eingelegt. Es geht um die Entführung von Aldo Moro - und als der Film zwei Stunden später zu Ende ist, diskutieren Lucia und ich heftig darüber, ob es nicht langsam an der Zeit wäre, einen Film über einen aktuellen Politiker zu machen. Ich sage, daß es mich viel mehr interessieren würde, wenn man im Film einen Politiker entführen würde, der wirklich Dreck am Stecken hat. Es braucht nicht lange, da gucken Lucia und ich uns in die Augen und wissen: Wir sind da auf eine Idee gekommen, die allen Weihnachtsspeck, Kapaun und Ravioli jetzt völlig vergessen läßt und unser Leben (was wir Gott sei Dank in diesem Moment noch nicht in letzter Konsequenz wissen können) die nächsten drei Jahre bestimmen wird. Wir drehen einen Film über die Entführung von Silvio Berlusconi!

          Warum gibt es so einen Film noch nicht?

          Lucia und ich trinken noch so manches Bier zu so mancher Zigarette an jenem Abend in einer verwanzten Kneipe am Hafen, weil wir ganz aufgeregt sind: Worum muß es in diesem Film gehen? Wer spielt Berlusconi? Warum gibt so einen Film noch nicht, und wenn nicht in Italien, dannn woanders auf der Welt? Warum hat noch kein russischer Filmemacher Putin oder sein amerikanischer Kollege Bush entführt?

          Jan Henrik Stahlberg

          Drei Tage später habe ich den ersten Entwurf unserer Idee meinem Anwalt zugefaxt, sitze im Flieger nach Berlin über den Wolken und sprudele über vor Ideen und Vorfreude. Der Film muß total dokumentarisch wirken, Berlusconi muß von einem perfekten Doppelgänger gespielt werden, die Entführer müssen zwar sympathisch sein, aber gleichzeitig töten sie die Eskorte. Der Zuschauer soll hin- und hergerissen werden zwischen Mitleid und Haß.

          Vier Stunden später sitze ich betrunken und sehr müde in der Küche und höre meinem Anwalt zu, der mir freundlich erklärt, daß es einen Grund gibt, warum bisher weder Bush noch Putin, noch sonstwer im Film entführt wurde. Es geht ganz einfach nicht - juristisch gesehen.

          Es gibt kein Rezept

          Lucia ist am Boden zerstört. Ich berichte ihr wieder und wieder, daß der Film klar als Satire erkennbar sein müsse, wenn man überhaupt einen lebenden Menschen entführen wolle und der Tatbestand der Entführung - selbst einer Person der Zeitgeschichte, was ich gerade gelernt habe - gegen die Menschenwürde verstößt. Lucia fragt mich, ob es hilft, die Entführer mit Masken oder mit Schleifen im Haar auftreten zu lassen, und versteht nicht, was denn genau eine Satire sei? Ich rufe meinen Anwalt wieder an, weil auch ich es nicht verstanden habe, und der meint, das sei genau das Schwierige, weil jeder Richter anders reagiere und er uns kein Rezept anbieten könne. Sonst wäre er nicht Anwalt, sondern Drehbuchautor. Ich lege auf und trinke ein Bier. Mittlerweile haben wir bei sieben Anwälten, in Italien und Deutschland, Meinungen eingeholt, und es ist tatsächlich so: Auch jetzt, vor unserer Premiere auf der Berlinale, können wir weder wissen, wie ein deutscher Richter, noch wie sein italienischer Kollege entscheiden wird, wenn Berlusconi wirklich klagt.

          Ich hätte diesen Film ohne Lucia nie gemacht. Das wird mir klar, als ich aus meinem Kater vom Telefon geweckt werde und ihre euphorische Stimme die Lösung präsentiert: Die Panzerknacker entführen ihn! Mickymaus! Ich verstehe nichts. Mickymaus? Lucia fährt fort: Könne man keinen Film über Berlusconi machen, dann hieße er halt Mickymaus und würde von den Panzerknackern entführt. Rom würde zu Entenhausen, Tick, Trick und Track zu seinen Gehilfen und so weiter. Ich sage, daß wir so Gefahr liefen, lächerlich zu werden. Lucia insistiert, sie habe schon mit einem Anwalt in Rom gesprochen, er fände das eine gute Idee. Zumindest juristisch wäre das einwandfrei.

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