https://www.faz.net/-gqz-rz53

Berlusconi : Der Blutgrätscher

  • -Aktualisiert am

Berlusconi und der Fußball Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

In Italien ringen Fußballvereine, Sender und die Politik um eine Neuregelung der Übertragungsrechte. Jetzt hat Berlusconis Partei das Gesetz auf Eis gelegt. Kein Wunder: Der Premier selbst hat Interesse an dem Thema - dreifach.

          2 Min.

          Forza Italia, die Partei von Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi, hat im letzten Moment eine Gesetzesinitiative zur Neuregelung der Fußballrechte mit einem Veto verhindert. Der „Calcio“, in Italien liebstes Sport- und Medienereignis, schlittert damit weiter in die Krise, denn die Vertreter der kleineren Vereine drohen nun mit einem Streik. Weniger populäre Clubs wie Lecce, Chievo oder Palermo hätten nämlich vom neuen Gesetz, einer Initiative der rechten Regierungspartei „Alleanza nazionale“, profitiert.

          Momentan darf jeder Club seine Fernsehgelder selbst auf dem Markt aushandeln, was naturgemäß die Großclubs aus Turin und Mailand begünstigt. Dabei sind allerdings Ungleichgewichte entstanden wie im Fall von Juventus Turin, das pro Jahr 83 Millionen Euro für Übertragungsrechte einstreicht, wohingegen die Habenichtse aus Lecce sich mit gerade einmal 600.000 Euro, also weniger als einem Hundertstel, begnügen müssen. Beide Vereine spielen aber dieselbe Anzahl Partien.

          Berlusconi in allen Rollen

          Weil diese Lage nicht nur kartellrechtlich zum Problem wurde, sondern auch die Gerechtigkeit der Meisterschaft in Frage stellte, arbeitete man im Parlament seit August 2004 an einer Neuregelung. Ein einvernehmliches Schnellgesetz lehnten Berlusconis Gefolgsleute aber mit dem Argument ab, man brauche noch etwas Zeit. Dieses Verhalten wirkt nicht nur für die Opposition, sondern auch für die gesamte Wählerschaft mehr als verdächtig. Denn Berlusconi kommt bei der Thematik nicht nur als regierender Politiker vor, sondern ist derzeit mit seinem Mediaset-Konzern Rechte-Inhaber des Fußballs im frei empfangbaren sowie im digitalen Fernsehen.

          Berlusconis treuer Angestellter Adriano Galliani wirkt nicht nur als sein Fußballmanager und Strohmann beim AC Mailand, dessen Vorsitz seit dem symbolischen Abtreten von Berlusconi, dem wahren Geldgeber, verwaist ist. Galliani ist obendrein auch noch Ligachef, so daß alle widerstreitenden Verhandlungsparteien bei Berlusconi selbst liegen.

          Die drei Großen brauchen die anderen

          Der ließ in einem Fernsehinterview treuherzig wissen, er habe sich mit dem Thema noch gar nicht befaßt und verstehe die Vorwürfe nicht. Doch ist deutlich, daß eine geeinte Fußball-Liga mit kollektiven Übertragungsrechten - wie etwa in Deutschland - erheblich mehr aus dem Produkt herausschlagen und damit Berlusconis Geschäften schaden könnte. In Frankreich, wo Fußball längst nicht so populär ist, zahlt das Fernsehen pro Jahr 600 Millionen Euro, in Italien 450 Millionen Euro.

          Weil die drei größten Clubs - Inter und AC Mailand sowie Juventus Turin - etwa ein Drittel der Gesamtsumme einstecken, sind sie mit der individuellen Vermarktung auch einverstanden. Doch es wird immer deutlicher, daß sie eine komplette Liga für den Spielbetrieb benötigen und nicht jeden Sonntag gegen sich selber antreten können. Durch Berlusconis Blockade in eigener Sache liegt das Gesetz jetzt bis zur nächsten Legislaturperiode im kommenden Sommer und damit über den nächsten Saisonbeginn auf Eis.

          Bemerkenswert ist, wie kaltblütig „Forza Italia“ die eigene Koalitionspartei, die sich für das Gesetz stark gemacht hatte, vor den Kopf stößt. Informationsminister Landolfi von der „Alleanza nazionale“ konnte sich den Groll denn auch kaum verbeißen: „Wir wollten die irren Ausgaben stoppen, die aus dem Fußball einen Wettbewerb unter wenigen Privilegierten gemacht haben.“ Doch es ist offensichtlich, daß es einen mächtigen Profiteur gab, der trotz der „irren Ausgaben“ gut am Fußball verdient. An der Defensive von Berlusconi, des Nationalspielers in eigener Sache, kommt derzeit weder im Parlament noch auf dem grünen Rasen jemand vorbei.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Moral und Demokratie : Wenn politische Lager zu Feindesland werden

          Die Krise würfelt beim Verhältnis von Wissenschaft, Moral und Demokratie einiges durcheinander. Die moralische Neucodierung politischer Konflikte macht es den Bürgern nicht leichter, sich als Retter der Demokratie ins Zeug zu legen. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.