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Berlusconi : Das bin ich

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Wie nicht anders zu erwarten, kritisierte der Medienbeauftragte von Berlusconis Partei „Forza Italia“, Cicchitto, die Mamma-Satire als „Sprung aufs Gelände der Unzivilisiertheit“. Überhaupt sehen Berlusconi und seine Getreuen nicht ein, wieso die Allgegenwart ihres Bosses im Fernsehen gegen die politische Unparteilichkeit verstoßen könnte. Im Gegenteil - bereits die geltenden Gesetze wirkten einzig zum Schaden Berlusconis, der dritte Sender der Rai sei eine „Kriegsmaschine gegen Mitte-rechts“, so Berlusconis Parteisekretär Bondi. Hier sei eine „inakzeptable Desinformationskampagne“ im Gang.

Das ist sogar für Italiens Fernsehen, dessen Niveau auch jenseits aller Wahlkämpfe ästhetisch und inhaltlich stark in Richtung Rumänien unter Ceausescu strebt, ein so harter wie wirkungsloser Vorwurf. Statt zur Objektivität zurückzukehren, sehen sich längst auch Politiker anderer Parteien zu intimen Bekenntnissen genötigt: so der linke Parteisekretär Fassino, der sich im Fernsehen als bekennender Katholik outete, oder der rechtskonservative Chef der „Alleanza nazionale“, Fini, der am Sonntag abend live zugab, einmal auf Jamaica einen Joint geraucht zu haben und zwei Tage benommen gewesen sein. Einzig Oppositionsführer Romano Prodi, der mit den Eitelkeiten seiner diversen Partei-Diven genug Sorgen hat, hält sich einstweilen bedeckt und verweigert sich auch einem Fernsehduell mit Berlusconi - offenbar in der Überzeugung, daß sich der schon selbst um Kopf und Kragen reden wird.

Mediatischer Amoklauf

Während also sämtliche Dämme zu brechen drohen, hat Berlusconis mediatischer Amoklauf den um Überparteilichkeit bemühten Staatspräsidenten weit aus der Reserve gelockt. Ciampi rief innerhalb weniger Tage zweimal zur Zurückhaltung im Fernsehen auf, nachdem er schon wegen des Wahltermins mit Berlusconi aneinandergeraten war. Augenscheinlich sieht sich jetzt Berlusconi allein im Kampf gegen alle. Schon im letzten Jahr hatten ihm seine Koalitionspartner eine Abschaffung des Parteien-Werbegesetzes nicht gestattet, weil dies dem Milliardär eine Dauerbeschallung mit Wahlspots ermöglicht hätte.

Und auch jetzt gehen die christdemokratischen und die rechtskonservativen Koalitionsparteien auf merkliche Distanz. Das wäre für eine normale Partei der Moment, über Strategie und Geisteszustand des Vorsitzenden nachzudenken, aber „Forza Italia“ ist keine normale Partei. Längst geben Soziologen zu bedenken, daß Berlusconis Allgegenwart den Ekel der Italiener erregen und seine Wahlchancen verringern wird. Mit seinem Dauerkampf, der täglichen Verhöhnung seiner Kontrahenten zur besten Sendezeit rückt er die eigentlich zerstrittene und bemerkenswert unfähige Opposition ins Licht von Opfergestalten und stärkt sie wahrscheinlich nur. Ein Berlusconi früherer Kampagnen, der genau auf die Meinungsforschung - deren wichtigste Firmen ihm weitgehend gehören - gelauscht hatte, würde nun wohl einen weisen Rückzieher ins Staatsmännische machen.

Gefühlte Zweiundvierzig

Nicht aber dieses Mal, da der fast Siebzigjährige, der nach dem Attest seines Leibarztes „gefühlte Zweiundvierzig“ zählt, glaubt, um sein Vermächtnis zu kämpfen. Während Piero Fassino, Sekretär der linken Opposition, davon spricht, daß im Fernsehen „die Lage komplett außer Kontrolle“ geraten ist, gerät auch Berlusconi immer mehr außer Rand und Band. Dem mahnenden Staatspräsidenten Ciampi, Italiens beliebtestem Politiker und notabene einem Verfassungsorgan, hat „Forza Italia“ endgültig den offenen Kampf angesagt. Und nach einem denkwürdigen Auftritt im Verkehrsradio („Ich wünsche allen gute Fahrt“), der wahrscheinlich von der Medienaufsicht abgestraft werden wird, erwägt der Mediakrator - so gehen die Gerüchte - jetzt sein erneutes Erscheinen bei sämtlichen wichtigsten Abendshows.

Die Beobachter in Italiens Medien - wenigstens in den wenigen, die noch nicht in Berlusconis Besitz sind - verharren angesichts dieses Wahlkampf-Auftaktes in einer Mischung aus Schreckstarre und Faszination ob der „Wahl-Reality“ oder „politischen Ein-Mann-Show“. Offen muß bleiben, ob Berlusconis telekratische Geisterfahrt irgend etwas mit seiner Gemütslage zu tun hat. Beim frenetischen Empfang durch eine fundamental-katholische Sekte in Sardinien soll der gerührte Ministerpräsident am Wochenende im Lokalradio passend zur Fastenzeit das Versprechen totaler sexueller Abstinenz bis zum Wahltermin am 9. April abgegeben haben.

Was er mit dieser Volte bezwecken mag, darüber zerbrechen sich nun die politischen Beobachter die Köpfe. Bekehrung? Kondition? Reinheit? Andererseits, so eine Kommentatorin des „Corriere della Sera“, sei Berlusconi ja kein junger Mann mehr und habe diverse Gesundheitsprobleme: „Da ist diese Herausforderung nicht gerade titanisch.“

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