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Berliner Zeitung : Brandbrief

Der Chefredakteur warnt vor dem Verkauf der „Berliner Zeitung” Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der Chefredakteur der Berliner Zeitung, Uwe Vorkötter, warnt in einem dramatischen Appell vor einer Übernahme seiner Zeitung durch Montgomery. Steht der Verkauf plötzlich in Frage?

          Die Verkaufsverhandlungen um den Berliner Verlag nehmen eine dramatische Wendung. Während Holtzbrinck als Eigentümerin unter Hochdruck mit den Finanzinvestoren von 3i, Mecom und Veronis Suhler Stevenson die Übernahme verhandelt und die Käufer hoffen, daß der Deal bis Mittwoch abgewickelt sei, wendet sich der Chefredakteur der „Berliner Zeitung“, Uwe Vorkötter, heute mit einem dramatischen Appell an seine Leser und empfiehlt, genau dies nicht zu tun.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Der Mecom-Chef David Montgomery, schreibt Vorkötter, mache sich „Illusionen“ und verfüge „bestenfalls über rudimentäre Kenntnisse der deutschen Zeitungslandschaft“. Der Berliner Zeitungsmarkt scheine dem britischen Investor „komplett fremd zu sein“. Zwar möge es so sein, daß Banken wie die Commerzbank und die Barclays Bank als Finanziers des Deals ein hohes Risiko nicht scheuten.

          Doch gehe es für die „Berliner Zeitung“ um ihren Fortbestand als „führende Zeitung der Hauptstadt“, so Vorkötter. „Unsere Angelegenheit ist die Zukunft der ,Berliner Zeitung'. Ich rate dringend davon ab, sie David Montgomery anzuvertrauen.“

          Es gibt alternative Interessenten

          Ein solcher Appell muß die drei Investoren nicht schrecken, doch sah es gestern - da fieberhaft verhandelt wurde - so aus, als wollten 3i, Veronis Suhler Stevenson und Montgomery zwar im Prinzip dasselbe, doch seien sich nicht unbedingt einig über den Weg dahin - über den Preis, dessen Höhe inzwischen bei 180 Millionen Euro liegen soll - und über die Verpflichtungen, auf die man sich öffentlich einläßt, bevor der Deal zustande gekommen ist. So könnte alles in letzter Minute doch scheitern oder so kommen, wie es der Chefredakteur der „Berliner Zeitung“ fordert.

          Uwe Vorkötter ruft Holtzbrinck nämlich dazu auf, im letzten Moment der augenblicklich exklusiv mit 3i, Mecom und Veronis Suhler Stevenson geführten Verhandlungen das Ruder herumzureißen. Denn es gebe „offenkundig Alternativen“, schreibt der Chefredakteur und nennt als solche den norwegischen Medienkonzern Orkla Media, die Essener WAZ, die fortgesetztes Interesse signalisiere, und „vor allem“ den Kölner Verleger Alfred Neven DuMont, der den für den Berliner Verlag in Rede stehenden Kaufpreis von 150 Millionen Euro ausdrücklich als „realistische Verhandlungsgrundlage“ akzeptiere.

          Zweifel an den Konzepten Montgomerys

          Holtzbrinck, beschließt Vorkötter seinen Appell, sei dafür bekannt, daß sie mit ihren Zeitungen sorgsam und verantwortungsbewußt umgehe. Dies erwarte er namens der Redaktion und der Leser auch für die „Berliner Zeitung“.

          Die Verhandlungen mit den Investoren waren vor einer Woche bekanntgeworden. Seither tobt eine heftige Debatte über den möglichen ersten Einstieg von Finanzfirmen in den deutschen Zeitungsmarkt. Donnerstag abend hatte David Montgomery gemeinsam mit dem Holtzbrinck-Geschäftsführer Michael Grabner der Geschäftsführung des Berliner Verlags seine Aufwartung gemacht.

          Einen Businessplan hat er nicht vorgelegt. Wie sollte er auch, heißt es seitens der Investoren, schließlich sei man noch gar nicht Besitzer des Verlags und könne nicht Pläne offenlegen, die davon abhingen, ob das Geschäft glücke. Der Chefredakteur der „Berliner Zeitung“ hat aus dem Gipfeltreffen mit Montgomery allerdings eigene Schlüsse gezogen: „Wenn er Pläne, Konzepte und Ideen hätte, müßte ich sie jetzt kennen. Das ist nicht der Fall.“

          Beteiligung des Managements

          Der Deutschland-Geschäftsführer von Veronis Suhler Stevenson, Johannes von Bismarck, ist im Gespräch mit dieser Zeitung derweil der Befürchtung entgegengetreten, die Investoren wollten den Berliner Verlag nur kaufen, um ihn zu zerschlagen: „Unsere Strategie folgt dem Prinzip ,buy and build'“, sagte von Bismarck. „Es ist überhaupt nicht unsere Intention, den Berliner Verlag zu zerschlagen. Es wäre absolut unsinnig, das Unternehmen zu zerlegen oder Teile zu verkaufen. Der Berliner Verlag wäre unsere Plattform, mit ihm wollen wir organisch wachsen und unser Engagement auf weitere Zeitungsverlage in Deutschland ausdehnen.“

          Man bleibe für gewöhnlich fünf bis zehn Jahre und gebe dann „ein Schmuckstück von einem Unternehmen dem Markt zurück“. In diesem Zeitraum „belassen wir unsere Mittel im Unternehmen“, es gebe keine zwischenzeitlichen Ausschüttungen an Teilhaber.

          „Wir sind Wachstumsinvestoren. Unser verlegerisches Konzept beinhaltet nicht eine Abschwächung der Qualität. Im Gegenteil: Wir würden das Konzept der ,Berliner Zeitung' und des ,Berliner Kuriers' nicht grundsätzlich ändern. Mit der Arbeit des derzeitigen Managements und der Chefredakteure sind wir sehr zufrieden. Wir sind hoch überzeugt von den Zeitungen. Und wir haben einen großzügigen Betrag für Investitionen bereitgestellt“, so von Bismarck. Käme es zum Einstieg der Investoren, ist aus Verhandlungskreisen zu hören, würde das Management des Berliner Verlags, wie bei solchen Transaktionen üblich, mit drei bis zehn Prozent beteiligt.

          Preis steht fest

          David Montgomery zeigt sich über den Widerstand im Berliner Verlag not amused. Ein Sprecher Montgomerys sagte dieser Zeitung: „Es ist gute Übung, daß sich ein Management zu laufenden Verkaufsverhandlungen nicht äußert, sondern Eigentümerfragen den Eigentümern überläßt.“ Montgomery, heißt es, schwebe für die „Berliner Zeitung“ ein Profil vor, wie es in Großbritannien „Guardian“ oder „Independent“ hätten.

          Bei Holtzbrinck sieht man in 3i, Mecom und VSS die bestmöglichen Käufer des Berliner Verlags, da andere Optionen - die Fusion mit dem „Tagesspiegel“ aus kartellrechtlichen Gründen und der Verkauf an andere Verlage mangels Angeboten - ausgereizt seien. Ob dies aber das letzte Wort war, wird man vielleicht schon heute sehen. Es könnte ja sein, daß sich durch die Debatte verloren geglaubte Optionen wieder einstellen. Käme doch ein deutscher Verlag zum Zuge, wüßte man zumindest, welcher Preis zu zahlen ist.

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