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Oscar-Preisträger : Berliner Filmproduzent Artur Brauner gestorben

  • Aktualisiert am

Artur Brauner 2008 im Garten hinter seinem Haus in Berlin Bild: dpa

Seichte Kassenschlager und ernste Holocaust-Filme: Artur Brauner produzierte sowohl „Old Shatterhand“ als auch „Hitlerjunge Salomon“. Jetzt ist der Berliner gestorben.

          3 Min.

          Manchmal fragte man sich, woher Artur Brauner die Energie nahm, so lange im Filmgeschäft mitzumischen. Brauner war eine Legende. Nicht nur als Filmproduzent, sondern auch als Firmenpatriarch und Immobilienbesitzer, der mit Steuerauseinandersetzungen immer mal auf die Titelseiten der Boulevardzeitungen geriet. Kein anderer hat so viele Filme produziert wie er, mehr als 250. Nun ist Artur Brauner, den die Berliner „Atze“ nannten, am Sonntag kurz vor seinem 101. Geburtstag gestorben, wie seine Familie bestätigte.

          Seine Firma CCC-Film ist mit über 70 Jahren die älteste deutsche Produktionsfirma in Familienbesitz. In ihren Studios wurden rund 700 Filme gedreht. Und wahrscheinlich hat kein anderer Produzent in Deutschland so vielen Stars die Hände geschüttelt wie er.

          Artur – ursprünglich Abraham – Brauner wurde am 1. August 1918 in Lodz als Sohn eines jüdischen Holzhändlers geboren. Er überlebte den Holocaust, indem er sich in Wäldern versteckte; 49 Verwandte seiner Familie sind in Ghettos und Lagern von den Nazis umgebracht worden.

          Trost und Ablenkung durch Filme

          1946 gründete er seine CCC-Film. Brauner war Deutschlands wichtigster Produzent in den fünfziger Jahren, als das bundesdeutsche Publikum – noch ausgelaugt von den mageren Nachkriegsjahren, aber schon wieder emsig am Wirtschaftswunder arbeitend – sich ein paar schöne Stunden machen wollte. Er gab ihm jene Illusionen, die für eine kurze Zeit Trost und Ablenkung versprachen. Dabei hatte er wenig Skrupel, die Zuschauer auch mit seichter Unterhaltung zu versorgen.

          In Berlin-Spandau baute er eine der modernsten und größten europäischen Atelieranlagen auf, die zeitweilig über 500 Mitarbeiter beschäftigte. Er war in allen Genres zu Hause, die einigermaßen Erfolg in den Kinos versprachen. Dabei vertraute er auf die „großen Namen“ kassenkräftiger Stars und auf Drehbücher, die ihre Herkunft von Boulevardstücken und simplen Schwänken nicht verleugnen konnten. Und er hängte sich an alle Wellen, die gerade als en vogue im Kino galten, ob es nun Musicals, „Problemfilme“, Karl-May-Verfilmungen oder Wallace-Krimis waren. Und für einige Sex-Klamotten war er sich auch nicht zu schade.

          Artur Brauner 1974 auf dem Mathäser-Filmball in München mit Petra Schürmann

          Seine Lieblingsprojekte in den fünfziger und sechziger Jahren waren ambitionierte Literaturadaptionen und Neuverfilmungen klassischer Kinostoffe aus den zwanziger und frühen dreißiger Jahren. Dahinter steckte nicht nur das Kalkül, mit dem Remake eines ehemaligen Kassenknüllers noch einmal Profit zu machen. Brauner hatte die Absicht, an eine Filmtradition anzuknüpfen, die dem deutschen Film einmal Weltgeltung verschafft hatte und die noch unbefleckt war von der Unterhaltungsmaschinerie der Nazi-Zeit. Er hat 1958 den „Tiger von Eschnapur“ noch einmal verfilmt und 1966 „Die Nibelungen“.

          Immer wieder hat der Produzent, der der Regisseursgeneration der sechziger und siebziger Jahre als typischer Repräsentant von „Papas Kino“ erschien, auch etwas gewagt. Mit der von Robert Siodmak inszenierten Hauptmann-Adaption „Die Ratten“ (1955) gelang ihm eines der wenigen Meisterwerke des Adenauer-Kinos, ein düsterer Film mit expressiven Bildern. 1972 erhielt er einen Oscar für „Der Garten der Finzi Contini“ als bester ausländischer Film.

          Immer wieder an den Holocaust erinnern

          Und es gab auch schon damals den unbequemen Artur Brauner: den, der einem Filmball wegen der Anwesenheit des Nazi-Regisseurs Veit Harlan („Jud Süß“) fernblieb, den, der aus der Emigration zurückgekehrte Regisseure wie Robert Siodmak oder Fritz Lang und Schauspieler wie Peter van Eyck oder Fritz Kortner beschäftigte, den, der nicht müde wurde, die Deutschen immer wieder an ihre braune Vergangenheit und den Holocaust zu erinnern.

          Schon in seinem zweiten Film, „Morituri“ (1947/48), der eigene Erlebnisse verarbeitete, begann seine Beschäftigung mit der NS-Diktatur. Gerade in den letzten Jahrzehnten, als er nicht mehr Filme wie am Fließband herstellte, hat er diese Themen ausgebaut mit Titeln wie: „Sie sind frei, Dr. Korzak“ (1973), „Die weiße Rose“ (1982), „Bittere Ernte“ (1985), „Hitlerjunge Salomon“(1989), „Babij-Jar - Das vergessene Verbrechen“ (2003) oder „Der letzte Zug“ (2006).

          2011 entstand „Wunderkinder“ nach einer Idee von ihm: Es geht um drei musikalisch begabte Kinder in der Ukraine, zwei davon jüdisch, deren Freundschaft durch die Nazi-Okkupation auf die Probe gestellt wird. Zum 100. Geburtstag widmete ihm der Fernsehsender „Arte“ im vergangenen Jahr einen Themenabend, das Porträt stand unter dem Titel „Der Unerschrockene“.

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