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Berlinale : „Wir brauchen 750 Schnitte mehr!“

Marwan Hameds „The Yacoubian Building” Bild: Berlinale

Fester Bestandteil der Berlinale ist der Talent Campus. Hier bahnen Profis den hoffnungsvollen Jungfilmern den Weg zum Erfolg. Manche Veranstaltung gerät zur echten Show.

          Nicht weit entfernt vom Potsdamer Platz findet zum vierten Mal der Berlinale Talent Campus statt. Über 500 ausgewählte Teilnehmer treffen sich für knapp eine Woche anläßlich der Berlinale. Internationale Profis verraten den jungen Filmemachern in Diskussionen, Workshops und Vorträgen, worauf es ankommt beim Filme machen. Einige ehemalige Talente sind als Profis zurückgekehrt. Ihre Filme laufen auf der Berlinale.

          Der Ort paßt perfekt zur Veranstaltung. Im „Haus der Kulturen der Welt“ kommen 520 Filmemacher aus 101 Ländern zusammen, um Erfahrungen auszutauschen, Kontakte zu knüpfen und von Profis zu lernen. Zuvor mußten sich die Jungfilmer für den Campus bewerben. Die „Schwangere Auster“, so nennen Berliner den Spannbetonbau, hat in den letzten Jahren einige erfolgreiche Filmemacher geboren. Zwei Dutzend ehemalige Talente zeigen auf der diesjährigen Berlinale ihre Filme als Direktor, Produzent, Kameramann, Komponist, Schauspieler oder Drehbuchautor. Einer davon ist der ägyptische Regisseur Marwan Hamed. Sein Film „The Yacoubian Building“ hat in Berlin Weltpremiere. Es ist der bisher teuerste ägyptische Film.

          Lernen von den Profis

          Als Hamed 2003 zum ersten Talent Campus nach Berlin kam, wollte er unbedingt wissen, wie man seinen ersten Spielfilm dreht. „Es war damals eine wichtige Erfahrung, von Leuten wie Wim Wenders, Dennis Hopper, Spike Lee, Anthony Minghella und Tom Tykwer zu hören, wie sie arbeiten“, sagt Hamed. Er hat damals genau zugehört und erfolgreich gehandelt. Mit einem Budget von 5 Millionen Dollar - einer Summe, von der deutsche Debütfilmer nur träumen - hat er „The Yacoubian Building“ gedreht und darf ihn nun auf der Berlinale uraufführen. Während des Festivals wohnt er im Hotel Adlon, einer der teuersten Adressen in Berlin. Interviews gibt Hamed im fünften Stock des DaimlerChrysler-Gebäudes am Potsdamer Platz. Dort hat der European Film Market ein Zimmer für das Filmteam von „The Yacoubian Building“ eingerichtet.

          Daß die jungen Filmschaffenden im Haus der Kulturen der Welt genug an Kreativität und handwerklichem Geschick mitbringen, um wie Marwan Hamed ihre Filme auf Festivals zeigen zu dürfen, haben sie bereits bewiesen, als sie sich für den Talent Campus mit einem einminütigen Film als Arbeitsprobe beworben haben und unter 3000 Bewerbern ausgewählt wurden. Dabei sehen sie gar nicht aus wie Auserwählte. Unaufgeregt, aber dennoch lässig sitzen die Kreativen mit ihren Turnschuhen, individuellen Frisuren und im legeren T-Shirt-Jeans-Style auf Treppenstufen und Tischen und wirken dabei wie eine Kreuzung aus Kunststudent und Programmierer. Neugierig warten sie in Veranstaltungen wie „Meet the cutting crew“ oder „Here's looking at you, Kid“ darauf, bis die Großen, die Erfahrenen, die Erfolgreichen, die Etablierten ihre Geschichten erzählen.

          Die Macht der Produzenten

          Christopher Doyle ist etabliert. Er hat die Kamera geführt bei Filmen wie „Hero“, „Dumplings“, „In the mood for love“ oder in Gus van Sants Remake von „Psycho“. Wer glaubt, daß Profis wie Chistopher Doyle seriös und distanziert oder wie Lehrer auftreten, irrt sich. Und zwar gewaltig. Doyle ist ein Freak, ein Clown und für die meisten Zuhörer ein Genie. Er wirkt kindischer, verwirrter und durchgeknallter als jeder Zuhörer im Auditorium.

          Doyle rennt mit dem Mikrofon in der Hand auf dem Podium von einer Ecke zur anderen, kichert permanent, trinkt sein morgendliches Pils und veralbert seinen Gesprächspartner Anthony Dod Mantle, den Haus-Kameramann von Lars von Trier und guten Freund von Doyle. Es ist Doyles Show, keine Prodiumsdiskussion. Doch in manchen Momenten seiner Zwei-Stunden-Performance redet er plötzlich wie ein Prediger auf die Gläubigen ein: „Seid konsequent! Glaubt an euch! Prostituiert euch nicht!“ Wenn es um den Machtkampf des Kameramanns mit dem Regisseur geht, wirkt Boyle überraschend ernst und bestimmt.

          Doch der Appell an die Autonomie des Künstlers ist kein moralisierender Alleingang Doyles. In der Veranstaltung „Meet the cutting crew“ beklagten Cutter ebenfalls, daß sich Produzenten und Regisseure zu stark in ihre Arbeit einmischen. Das ist zunächst verständlich. Der Film entsteht gewissermaßen erst durch den Schnitt. Der Cutter kann dem Rohmaterial einen Ausdruck geben, den der Regisseur gar nicht beabsichtigt hatte. Doch manche Produzenten übertreiben. Ein besonders bizarres Beispiel hat der deutsche Cutter Dirk Grau („Rhythm is it“) vorgetragen. Er wurde einmal von einem Produzenten gefragt, wie viele Schnitte er denn im Film habe. „Etwa 1200“ antwortete Grau. Daraufhin entgegnete der Produzent: „Das ist zu wenig. Wir brauchen 750 mehr!“

          Was die Talente vom Campus letztlich mitnehmen, ist die Erkenntnis, daß jeder Profi jeden Film anders gemacht hat. Die dazu passenden postmodernen Sprüche hat Marwan Hamed schon damals auf dem ersten Campus gehört: „Es gibt keine Regel!“ Die Weisheit hat ihn weit gebracht.

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