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Filmemacherinnen der Berlinale : Tausche „Terminator“ gegen Tisch

Gale Anne Hurd wird von Interviewern nach mehr als 50 Filmen und 200 Serienepisoden immer noch gefragt, was sie von ihren Ehemännern gelernt habe. Bild: Reuters

Auf der Berlinale wird ein Konzept zur Frauenförderung unterschrieben. Die Starproduzentin Gale Anne Hurd ermutigt ihre Kolleginnen. Und Dieter Kosslick wagt einen „witzigen“ Spruch.

          Eigentlich sollte die kommerziell wie künstlerisch sehr erfolgreiche Filmproduzentin Gale Anne Hurd im Rahmen der Veranstaltung „Gender, Genre, and Big Budgets“ des Frauenverbandes Wift (Women in Film and Television) auf der Berlinale darüber sprechen, wie sie es geschafft hatte, sich in Hollywood durchzusetzen und Filme wie „Terminator“, „Aliens“ oder die Erfolgsserie „The Walking Dead“ zu produzieren. Seit Jahren fordert sie Quoten für Frauen in Führungspositionen. Es schien also nur folgerichtig, dass der Diskussion mit ihr die offizielle Unterzeichnung des „5050x2020“-Versprechens durch Festivaldirektor Dieter Kosslick vorausgehen sollte, das ankündigt, „bis 2020 die Leitungen und Auswahlgremien paritätisch zu besetzen sowie Zahlen zur Geschlechterverteilung bei Filmeinreichungen und -auswahl zu veröffentlichen“.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          „Cannes, Venedig und Toronto haben sich bereits dazu verpflichtet“, sagte Delphyne Besse, die französische Mitbegründerin von „5050x2020“ vor der feierlichen Unterschriftsleistung. Wie hat man den scheidenden Berlinale-Präsident Kosslick dazu bekommen, dass er unterzeichnet? „Dass die anderen bereits mitmachen, war ein gutes Argument.“

          Unter 16 Filmen sind sieben von Frauen

          Die Berlinale hat in diesem Jahr sieben von (nach Zhang Yimous Rückzug nunmehr nur noch) sechzehn Filmen im Wettbewerb, die von Frauen gedreht wurden, mehr als je zuvor. Obendrein wurde zu Beginn des Festivals eine ausführliche Evaluation der Geschlechterverteilung im Berlinale-Programm vorgelegt.

          Zur Unterschrift setzte sich Kosslick ans Pult, rechts und links umrahmt von den vier Wift-Initiatorinnen. Der Berlinale-Präsident schaute erst zur einen, dann zur anderen Seite und sagte: „Das ist sowieso meine Lieblingsposition“ – die Quotendebatte als szenischer Witz. Gale Anne Hurd, die nach Kosslick das Podium betritt, wird von Interviewern nach mehr als 50 Filmen und 200 Serienepisoden immer noch gefragt, was sie denn von ihren Ehemännern James Cameron und Brian de Palma so gelernt habe. Noch 2014 musste sie klarstellen: „Umgekehrt: Ich habe James Cameron entdeckt. Als ich ihn traf, bastelte er Raumschiffmodelle, und ich brachte ihn mit Roger Corman zusammen.“ Corman führte seit 1970 New World Pictures, das größte Independentfilm-Produktions- und Verleihunternehmen Amerikas. Er war eine Ausnahme im Filmbetrieb.

          „Du bist schlau, du bekommst das hin“

          Hurd lobte im Gespräch mit dieser Zeitung seine fortschrittliche Personalpolitik: „Bei Corman gab es überall Frauen in Führungspositionen. Außerhalb dieser Firma war das aber etwas ganz anderes.“ Bei Corman begann Hurd 1978 als Produktionsassistentin, nachdem sie an der Stanford University ihr Studium in Ökonomie und Kommunikation abgeschlossen hatte. „Es gab dort nicht eine Professorin, und im Wirtschaftsbereich war man der Meinung, dass Frauen den männlichen Studenten einen Platz stehlen, da sie nach dem Studium sowieso heiraten und zu Hause bleiben würden“. Hurd warf sich in den Zwanzig-Stunden-Job; Corman machte sie zur Leiterin seiner Marketingabteilung.

          „Meine Einwände, dass ich so etwas noch nie gemacht hatte, wischte er weg: Du bist schlau, du bekommst das hin.“ Nach vier Jahren entließ er sie mit den Worten: Du hast jetzt alles gelernt, es ist Zeit, dass du deine eigenen Filme produzierst. Jungen Produzentinnen rät sie heute: „Tut euch zusammen, bildet ein Netzwerk.“ Und dann erzählte sie die Geschichte, wie sie „Terminator“ finanziert bekam: Niemand habe ihre Anrufe beantwortet. Von einem Freund erfuhr sie, dass der Typ, den sie zu erreichen versuchte, gerade seinen Schreibtisch verkaufen wolle. „Also machte ich einen Termin wegen des Schreibtischs aus und brachte ihm das Treatment für ,Terminator‘ mit.“ Wenig später stand die Finanzierung. Den Schreibtisch habe sie trotzdem gekauft: „Ich wollte nicht wie eine Schwindlerin rüberkommen.“

          Was entgegnet sie auf das Argument vieler Quotengegner, es solle doch nicht um Geschlecht, sondern allein um Leistung gehen? „In den vier Jahrzehnten, die ich nun schon dieses Geschäft kenne, haben wir es nicht ohne Quoten geschafft, dass mehr Frauen in wichtigen Positionen arbeiten. Natürlich kann man weitere vierzig Jahre darauf warten, dass es sich von allein ändert. Wir brauchen mehr Ausbildungsprogramme für Frauen, nicht nur in der Regie, auch hinter der Kamera, im Schnitt, in der Produktion. Das ist der nächste Schritt.“

          Dieter Kosslick verabschiedete sich nach der Unterschrift abermals mit einem Spruch: „Mal sehen, ob mein Nachfolger sich dann auch an dieses Dokument hält.“ Kein Witz.

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