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Berlinale-Wettbewerb : Wer hat gesagt, Fußball sei nichts für Mädchen?

Vin Diesel in „Find Me Guilty” Bild: Berlinale

Im Wettbewerb der Berlinale: Sidney Lumet zeigt seine Meisterschaft. Noch stärker beeindruckt aber der Iraner Jafar Panahi, dem mit „Offside“ eine Komödie der Emanzipation gelingt.

          Einundzwanzig Monate hat der Prozeß gedauert, länger als irgendein anderes amerikanisches Mafiaverfahren. Jetzt hält Jack DiNorscio sein Schlußplädoyer. Er hat keinen Anwalt, er vertritt sich selbst. Er sagt zu der Jury: „Wenn Sie finden, daß an den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft etwas dran ist, dann schieben sie es auf mich. Sprechen Sie mich schuldig. Aber lassen sie meine Freunde nach Hause zu ihren Familien gehen.“ Sie sprechen ihn frei.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Sidney Lumet ist einundachtzig Jahre alt, „Find Me Guilty“, der vom Prozeß gegen DiNorscio und die Mitglieder des Mascarpone-Clans in New Jersey erzählt, ist sein achtundvierzigster Film. Lumet muß nichts mehr beweisen, weder sich selbst noch dem Publikum der Filmfestivals, so daß er sich ganz auf das konzentrieren kann, was seine Stärke ist: die Darstellung menschlicher Verhaltensweisen im öffentlichen Raum.

          Die Welt der Gerichtssäle

          Seit den „Zwölf Geschworenen“, mit denen vor fünfzig Jahren seine Karriere im Kino begann, hat sich Lumet stets für die Welt der Gerichtssäle und Verhörzimmer interessiert, für die Psychologie von Geiselnehmern und Nachrichtenmoderatoren. In „Find Me Guilty“ erweitert er seine Palette um einen ungewöhnlichen Typus: den Kriminellen als Entertainer. Am Anfang des Films wird Jack DiNorscio (Vin Diesel) von einem Verwandten mit vier Schüssen niedergestreckt, am Ende muß er, wegen Drogenhandels zu dreißig Jahren Haft verurteilt, wieder ins Gefängnis, während seine Auftraggeber und Kumpane an ihm vorbei in die Freiheit ziehen.

          Szene aus „Offside”

          In den zwei Filmstunden dazwischen führt er das amerikanische Rechtssystem nach allen Regeln der Kunst ad absurdum. Er sei ein Gagster, ein Spaßmacher, kein Gangster, erklärt er den Juroren mit breitem Grinsen. Die Kronzeugen des Staatsanwalts bringt er ins Stottern, indem er an ihre Verbrecherehre appelliert. Während die angeklagten Mafiabosse um ihren Hals bangen, wenn DiNorscio seine Show abzieht, betrachtet ihn der Richter (Ron Silver) mit wachsender Sympathie. So wie der Kinozuschauer, der gewohnt ist, mit denen zu fühlen, die am längsten im Bild sind.

          Bonhomie mit doppeltem Boden

          Auf den ersten Blick wirkt „Find Me Guilty“ wie eine nette Gangsterkomödie. Aber Lumets Bonhomie hat einen doppelten Boden, denn der Film läßt keinen Zweifel daran, daß DiNorscio und seine Freunde Verbrecher sind. Mit ihrem Freispruch rückt Amerikas Justiz selbst auf die Anklagebank, weil sie die Wahrheitsfindung einer Gruppe gewöhnlicher Zuschauer überträgt. Indem er uns über DiNorscios Kapriolen lachen läßt, klärt Lumet das Kino über sich selbst auf. Auch auf der Leinwand geht es nicht um Schuld oder Unschuld, sondern um Identifikation. Das wußten wir schon, aber selten haben wir es mit lässigerer Tücke vorgeführt bekommen als in „Find Me Guilty“.

          Frauen zählen in Mafiafilmen zur Dekoration. Auch diese Regel hältLumet ein, indem er sie bricht. Nur für fünf Minuten schickt er Annabella Sciorra als DiNorscios Exfrau zu diesem ins Gefängnis, aber in diesen fünf Minuten steht der Film kopf. Mitleid, Liebe, Eifersucht, Wut, Sex, alles rast da vorbei, was sonst auf ein ganzes Leben verteilt ist. Es ist eine der großen Szenen im amerikanischen Kino dieser Jahre, aber Lumet macht kein Aufhebens davon, er hat es nicht nötig, seine Meisterschaft zu betonen. Er zeigt sie, das genügt.

          Dezente Erotik

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