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Berlinale-Wettbewerb : Schöne Kunst der Explosionen

Das war knapp: George Clooney in „Syriana” Bild: Berlinale

Die Berlinale läßt es krachen und freut sich an lustvoller Zerstörung: In „Syriana“ mit Sprengstoff und Computer, in „V for Vendetta“ nach sinfonischem Muster und in „Breakfast on Pluto“ im virtuosesten Moment dieser Berlinale.

          Der „Inferno-Artist“ stirbt aus. Wenn heute auf der Leinwand Autos, Häuser, Schiffe explodieren, ist meistens ein Computertechniker am Werk. So auch in James McTeigues „V for Vendetta“, der außer Konkurrenz im Wettbewerb läuft und hinsichtlich seiner Explosiv-Schauwerte ohnehin als konkurrenzlos gelten darf. Mit einer Ausnahme, aber dazu später.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Kurz nach dem Auftakt von „V for Vendetta“ wird bereits die Kuppel des Londoner Gerichtsgebäudes Old Bailey gesprengt, und zum Abschluß des Films sind die Houses of Parliament inklusive Big Ben dran - pünktlich um Mitternacht zum Beginn des Guy Fawkes' Day am 5. November, jenem Tag also, an dem 1605 ein anderer Attentäter das Parlamentsgebäude detonieren lassen wollte. Er blieb damals noch erfolglos.

          Whitehall für den Schluß aufgehoben

          Welchen Spaß die lustvolle virtuelle Zerstörung prominenter Bauwerke machen kann, hat die Kinogeschichte oftmals bewiesen. Dieses Vergnügen spricht nun auch aus dem Drehbuch der Wachowski-Brüder für „V for Vendetta“, das auf der Grundlage des gleichnamigen Comics von Alan Moore entstanden ist. Moore hat - wie häufiger bei Verfilmungen seiner Comics - als Autor seinen Namen aus dem Projekt zurückgezogen. So steht im Abspann „Based on the comic drawn by David Lloyd“. Das ist so, als schriebe man „Nach der von Lorenzo da Ponte verfaßten Oper“ auf eine Schallplattenaufnahme von „Don Giovanni“ - eine kleine Implosion für die Wachowskis.

          Das wird böse enden: Hugo Weaving in „V for Vendetta”

          Im Comic ist die erste Serie von Explosionen der narrative Höhepunkt: Überall in London läßt der als Guy Fawkes maskierte Widerstandskämpfer mit dem Codenamen V öffentliche Gebäude im Takt eines von ihm dirigierten sinfonischen Werkes in die Luft gehen. Im Film beschränken sich die Wachowskis auf Old Bailey, um den Schluß noch als Steigerung inszenieren zu können, wenn die von Tschaikowsky in seiner Partitur zum Orchesterstück „1812“ geforderten Kanonenschüsse mit den Explosionen in Whitehall synchronisiert werden. Großes Kino!

          Der virtuoseste Augenblick der Berlinale

          Es ist überhaupt eine Berlinale der beeindruckenden Detonationen - ob mittels reichlichem Suspense vorbereitet wie in „Syriana“, wo mit chirurgischer Präzision über Tausende von Kilometern ein Auto in der Wüste bombardiert wird, oder auch überraschend wie gleichfalls in „Syriana“, als gleich zum Beginn hinter George Clooney mitten auf der Straße eine der Raketen explodiert, die er in seiner Rolle als amerikanischer Geheimdienstler gerade an iranische Terroristen verkauft hat. Einmal Computer, einmal Inferno-Artist, beides aber im selben Film - hier hat Stephen Gaghan noch einmal gezeigt, daß beide Techniken ihre cineastische Berechtigung haben.

          Die israelische Regisseurin Dalia Hager ist dagegen allein schon ihrer Herkunft wegen zurückhaltender. In ihrem Forum-Beitrag „Close to Home“ hat sie bewiesen, daß man auf spektakuläre Darstellungen von Detonationen verzichten kann, ohne deren Schrecken zu mildern. Hier wird ein Bombenattentat mitten in Jerusalem ausgeführt, und Dalia Hager läßt es lediglich hören. Doch das ist um so erschreckender, als die beiden Hauptdarstellerinnen Smadar Sayar und Naama Schendar als israelische Soldatinnen gerade noch munter plaudernd durch friedliche Gassen patrouilliert sind. Ohne Flammen, Blut und Trümmer ist die Explosion dieser Bombe gräßlicher als die dann doch noch entsprechend prosthetisch aufbereiteten Rettungsarbeiten, die den Film fortsetzen.

          Die gelungenste Explosion aber, sofern man davon in solch einem Kontext sprechen darf, ohne zynisch zu wirken, hat Neil Jordan in seinem neuen, beschämenderweise nur im Panorama und nicht im Wettbewerb vertretenen Film „Breakfast on Pluto“ untergebracht. Da detoniert in einer Londoner Discothek der siebziger Jahre, zur Zeit des schlimmsten IRA-Terrors, eine Bombe hinter einer Spiegelwand, und die Kamera hält auf den in alle Richtungen davonfliegenden Glassplittern noch für Sekundenbruchteile die fragmentierten Spiegelbilder der zuvor Tanzenden fest. Das ist der virtuoseste Augenblick der Berlinale.

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