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Berlinale-Wettbewerb : Sagt, wo ist in diesen Tagen Pocahontas zu erfragen?

Keine Chance für die Liebe: Terrence Malicks „The New World” Bild: Berlinale

Im Wettbewerbsprogramm der Berlinale: Bei Chen Kaige riechen selbst die Liebesszenen nach Plastik, Terrence Malick will eine Liebesgeschichte erzwingen, und Michael Glawogger weckt Gefühle für einen Sandler auf dem Heimweg.

          Vielleicht muß man, um Terrence Malicks „New World“ wirklich schätzen zu können, Chen Kaiges neuen Film „Wu Ji - Die Reiter der Winde“ gesehen haben. Denn einen noch künstlicheren, noch weltloseren, noch beliebigeren Film als den von Chen gibt es auf der diesjährigen Berlinale nicht.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          „Wu Ji“ erzählt eine Geschichte „aus alten Zeiten“ - wie es immer dann heißt, wenn man über keine vergangene Zeit irgend etwas Genaueres erzählen will - von einem Mädchen, das mit den Göttern Chinas einen Handel schließt: Dafür, daß es mit unwiderstehlicher Schönheit gesegnet wird, soll es mit keinem seiner Liebhaber glücklich werden. Der Bann soll nur gebrochen werden, „wenn die Zeit rückwärts fließt und die Toten auferstehen“, was am Ende erwartungsgemäß geschieht.

          Wie in einem Computerspiel der mittleren Kohl-Ära

          Bis dahin reiht „Wu Ji“ eine digital aufgemotzte Actionszene an die andere, freilich in einer Discounter-Qualität, welche die amerikanische Filmindustrie schon seit zehn Jahren ihren Kunden nicht mehr anzubieten wagt. Gleich nach dem erklärenden Prolog folgt eine Schlacht, bei der eine Herde Stiere in die Reihen der feindlichen Armee getrieben wird und der Held der Geschichte den Langhörnern glatt davonläuft, was man vielleicht glauben würde, sähe es nicht aus wie in einem Computerspiel der mittleren Kohl-Ära. Aber selbst die Liebesszenen, bei denen Qingcheng (Cecilia Cheung) ihren kalten Charme verströmt, sind mit diesem Plastikgeruch imprägniert, sie treiben den Körpern alle Sinnlichkeit aus und entwürdigen sie zu bloßen Zeichen, fleischfarbenen Schablonen im Pixeltopf des Regisseurs.

          Aufgemotzte Actionszenen: „Wu Ji” von Chen Kaige

          Chen Kaige war in den achtziger und frühen neunziger Jahren einer der Meister des neuen chinesischen Kinos, in „König der Kinder“ und „Lebewohl, meine Konkubine“ hat er die Wirren und Qualen der Kulturrevolution präziser geschildert als sein Regisseurskollege Zhang Yimou. Dafür, daß er jetzt Filme wie „Wu Ji“ macht, gibt es außer dem Lockruf des Geldes keine plausible Erklärung. In anderen Künsten wären solche Richtungswechsel undenkbar: Peter Handke schreibt keine Mittelalterthriller im Stil von Dan Brown, und Hans Werner Henze wird auch bei guter Bezahlung keine Songs für Roland Kaiser komponieren. Nur das Kino kennt den Typus des gefallenen Regisseurs, der alles verrät, wofür er einmal gestanden hat. Chen Kaige wird nicht der letzte sein.

          Die Schönheit der Wildnis in rauschhaften Bildern

          Terrence Malick hat das Gegenteil von Chen getan, er ist sich auf eine faszinierende, manchmal auch beängstigende Weise treu geblieben. „The New World“, sein Film über die Ankunft der ersten Siedler in Nordamerika, sieht genau so aus, wie man es von Malick erwarten durfte. Unter Blechbläserwolken aus Wagners „Rheingold“ segeln drei britische Schiffe in die Mündung des James River im späteren Virginia hinein, neugierig und mißtrauisch beobachtet von den Indianern, denen das Land gehört. Zwischen der Häuptlingstochter Pocahontas (Q'Orianka Kilcher) und dem jungen Captain Smith (Colin Farrell) beginnt eine Liebesgeschichte, die wie alle solchen Romanzen von Anfang an auch eine Geschichte der beiden Völker ist, der Europäer und der Eingeborenen, der „Wilden“ und der Zivilisation.

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