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Berlinale-Wettbewerb : Die Zeiten ändern sich, die Filme leider auch

Bizarre Idee: „Carmen” auf Xhosa. Szene aus „U-Carmen eKhayelitsha” Bild: Berlinale

Neues von Téchiné und David Mackenzie, „Carmen“ im Township und eine amerikanische Komödie: Nichts, was im Wettbewerb bisher zu sehen war, erreicht die emotionale Kraft eines 25 Jahre alten Films von Im Kwon-Taek.

          3 Min.

          Das Berlinale-Wochenende ist vorbei, und die Hoffnung auf erste Höhepunkte schwand mit jedem Film, jedenfalls im Wettbewerb. Frankreich, Irland, Südafrika, Italien, Deutschland und die Vereinigten Staaten - aus all diesen Ländern, manchmal aus einigen gleichzeitig, kamen die Filme bisher, doch keiner bot sich als deutlicher Favorit in der Konkurrenz um die Festivalpreise an.

          Verena Lueken
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Einzig "Les temps qui changent" von Andre Techine machte einigen Eindruck, vor allem bei jenen, die diese Art des französischen Schauspielerdramas um alte und neue Lieben schätzen und Geschichten mögen, die sich im Lauf von eineinhalb Stunden aufeinandertürmen und nur durch das Geschick des Regisseurs in der Balance gehalten werden, ohne daß wirklich klar würde, wozu.

          Depardieu und Deneuve

          Gerard Depardieu, der seine gewaltige Körpermasse mit einiger Behendigkeit durch die Landschaft bugsiert, spielt Antoine, einen Bauingenieur. Er soll die Errichtung eines Audiovisions-Zentrums in Tanger überwachen, ein Job, um den er sich beworben hat, um seine große Liebe wiederzutreffen, die er seit dreißig Jahren nicht gesehen hat. Das ist Catherine Deneuve als Cecile, verheiratet, ein Sohn, der mit seiner Freundin gerade aus Paris zu Besuch ist. Cecile zieht ihren Mund verbittert zusammen und tritt mit einiger Ruppigkeit ihrer Familie und auch Antoine gegenüber.

          Die alte Liebe und ihre Zurückweisung: La Deneuve in „Les Temps qui changent”
          Die alte Liebe und ihre Zurückweisung: La Deneuve in „Les Temps qui changent” : Bild: Berlinale

          Es gibt also diese alte Liebe und ihre Zurückweisung, es gibt Eheprobleme und Ehebruch, den Sohn, der bisexuell ist und seine Nächte in Tanger mit seinem Liebhaber verbringt, und dann ist da noch seine Freundin, die ein Kind hat. Außerdem hat sie, wie sich spät im Film herausstellt, ein Drogenproblem und eine Zwillingsschwester, die streng muslimisch ist, am Ende aber mit dem Ehemann von Cecile ans Meer geht.

          Der Plot bläht sich gewaltig, was schade ist, weil man bei Techine wunderbarerweise gleichsam nebenbei sowieso so viel zu schauen bekommt. Denn immer zeigt er uns auch das Leben an den Schauplätzen, nicht als Kulisse, sondern als kleines Universum, das sich unbeeindruckt von seiner Geschichte weiterdreht. Hier sind es etwa die marrokanischen Flüchtlinge im Wald, die Spanien sehen können, aber wahrscheinlich niemals erreichen werden, die Baustelle im Niemandsland und die Straßen von Tanger, die sich so völlig geheimnislos präsentieren, als habe Paul Bowles hier nie von Afrika geträumt.

          Die bisher bizarrste Idee: „Carmen“ im südafrikanischen Township

          In "Asylum", dem irisch-amerikanischen Beitrag von David Mackenzie, spielt Natasha Richardson die verbitterte Frau, allerdings aus einer anderen Zeit. England Mitte der fünfziger Jahre, eine psychiatrische Klink auf dem Land, eine verklemmte Ehe, ein attraktiver Patient, dessen ganze Gestalt Sex verspricht. Am Anfang scheint es, als würde aus dieser Verfilmung eines Romans von Patrick McGrath ein gothic thriller, ein Film um eine Frau, die an ihren Begierden verrückt wird, was sich ziemlich früh bereits andeutet. Doch dann erstickt alles Unheimliche in den Dekors. Wenn man der Modeparade von Natasha Richardson müde geworden ist, die jeden Tag in einem anderen Sommerkleid mit großem Ausschnitt vorn und hinten zum Manne geht, kann man einen Augenblick schlafen, wozu in Berlin außer im Kino wenig Zeit bleibt.

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