https://www.faz.net/-gqz-rz5n

Berlinale-Wettbewerb : Der Trieb ist sein Schicksal

Zeitweise atemberaubend: Jürgen Vogel und Sabine Timoteo Bild: Berlinale

Die Farben sind stumpf, das Licht ist fahl, und die Kamera wackelt, wenn's ernst wird: Auch Jürgen Vogel und Sabine Timoteo können Matthias Glasners Film „Der freie Wille“, den zweiten deutschen Wettbewerbsbeitrag, nicht retten.

          Es gibt wenige Filme, die mit gutem Grund die Zuschauer länger als eineinhalb, höchstens zwei Stunden in ihre Sessel zwingen, und Matthias Glasners Wettbewerbsbeitrag „Der freie Wille“ gehört nicht dazu. Hundertdreiundsechzig Minuten braucht dieser Film, um uns eine teilweise in ihren Einzelheiten zwar monströse, aber dann doch eher kleine Geschichte zu erzählen: die Geschichte von dem Vergewaltiger Theo, der nach neun Jahren Maßregelvollzug zurück in die Wirklichkeit kommt, möglicherweise erfolgreich therapiert, möglicherweise rückfallgefährdet.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Er lernt die Tochter seines Chefs kennen, Nettie, die ihrerseits Probleme hat. Das größte ist ihr Vater. Theo und Nettie verlieben sich ineinander, langsam, widerstrebend. In diesen Prozeß fällt einer der besseren Dialoge. Nettie sagt: „Ich mag keine Männer.“ „Das trifft sich gut“, antwortet Theo, „ich mag Frauen auch nicht besonders.“

          Sie werden doch ein Paar, und dann überkommt Theo wieder sein Trieb, er vergewaltigt eine Frau, verläßt seine Freundin und stirbt am Ende von eigener Hand in ihren Armen am Strand. Die Farben sind stumpf, das Licht ist fahl, und die Kamera wackelt, wenn's ernst wird. Gesprochen wird wenig, in der Mitte gibt es einen großen Pathoseinfall und am Ende das peinliche Bild einer Pieta im Meeresrauschen. Das alles hätte auch in neunzig Minuten Platz gehabt. Hundertdreiundsechzig Minuten aber, die mit einer in ganzer Länge gezeigten Vergewaltigung beginnen, muß man dem Filmemacher schon übelnehmen.

          Die Freude ihnen zuzuschauen

          Für zwei Personen will Glasner uns öffnen, zwei Beschädigte in ihrer Komplexität, von denen einer nicht aus seiner Haut kann, die andere schon. Das ist dann doch nicht so wahnsinnig kompliziert. Theo, den Jürgen Vogel sehr verschlossen spielt und gleichzeitig fast berstend vor körperlicher Kraft, hat keine Geschichte außer der Geschichte seiner Triebtaten und seiner Therapie. Nettie, der Sabine Timoteo eine zuerst aggressiv-scheue, zunehmend sich lösende Jugendlichkeit gibt, die es schwermacht, ihr das Rollenalter von siebenundzwanzig Jahren zu glauben - was die Freude, ihr zuzuschauen, nicht mindert -, hat in der besitzergreifenden und erpresserischen Liebe ihres Vaters die Lust auf andere Männer verloren. Das sind beides keine im Kino nie dagewesenen Befindlichkeiten, und wären es nicht Jürgen Vogel und Sabine Timoteo, die uns das in einer zeitweise atemraubenden Tour de force vorspielen, wären wir wahrscheinlich schon vor Ablauf der normalen Spielfilmlänge ein wenig müde geworden.

          Warum müssen wir immer wieder sehen, wie Nettie, die in einer Konditorei lernt, mit der Schokolade hantiert? Warum dauert ihr Auszug von zu Hause so lange, warum muß sie mit ihrem Vater zum Arzt? Wozu sind wir immer wieder mit Theo im Sportstudio, bei Klimmzügen und Gymnastik zu Hause, in der Sauna? Und warum müssen wir ihm immer wieder beim Masturbieren zusehen, auf dem Bett, vor dem Fernseher? Glasner will uns alles zeigen, das ist schon klar, er schont weder Darsteller noch Zuschauer, doch am Ende weiß man nicht, warum.

          Nichts, was wir nicht längst wußten

          Warum man so wenig vom Rest der Welt sieht, außer den Blicken in die trostlosen Einkaufszentren, über Parkplätze, in graue Straßen und zu hochgebauten Wohnblocks, das weiß man schon. Glasner gelingt es, uns nah an die Figuren heranzuführen, ohne daß wir ihr Inneres verstehen würden, und gleichzeitig den Rest der Welt so verschlossen, teilnahmslos und immer ein Stück weit entfernt vom Geschehen zu zeigen, wie Nettie und Theo ihn offenbar empfinden. Wir sind also einerseits nicht drinnen, nämlich in der Psychologie der Figuren, aber andererseits auch draußen, aus der Welt ausgeschlossen. Das ist eine Position, in der man schon ein wenig unruhig werden kann.

          Unruhig machen allerdings auch die Vergewaltigungsszenen. Es gibt drei von ihnen, und mit einer hat Theo nichts zu tun, sondern eines seiner Opfer und Nettie. Doch die harte Darstellung, der ungeschützte Blick auf die Verbrechen offenbaren nichts, was wir nicht längst wußten.

          Weitere Themen

          Ba-ba-ba-ba-Batman! Video-Seite öffnen

          Comic-Reihe wird 80 : Ba-ba-ba-ba-Batman!

          Wie in Gotham City wurde in Mexiko Stadt pünktlich um 8 Uhr abends das Batman-Symbol an ein Hochhaus geworfen. Viele Fans ließen sich das Spektakel zum 80. Geburtstag der Comic-Reihe nicht entgehen.

          Topmeldungen

          Länger leben : Kerle, macht’s wie die Frauen

          Von der Gleichstellung der Geschlechter profitieren auch Männer – sie sind gesünder und leben länger. Die regionalen Unterschiede, die in einer Studie sichtbar werden, überraschen.
          Viele Fragen an den Präsidenten in der Whistleblower-Affäre: Donald Trump beantwortet Reporterfragen vor dem Weißen Haus.

          Telefonat mit Selenskyj : Trumps Erpressung

          Für Donald Trump ist das Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten nicht verwerflich. Er sieht nichts Schlimmes darin, seine Macht zu nutzen, um politischen Konkurrenten wie Joe Biden zu schaden. Dabei beginnt der Skandal schon an anderer Stelle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.