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Berlinale-Panorama : Wenn die Füße noch nicht den Boden berühren

Dunkle Vergangenheit: Andrew Garfield in „Boy A” Bild: Berlinale

Nicht nur des brandaktuellen Themas wegen hätte dieser Film sich auch im Wettbewerb gut gemacht: John Crowleys „Boy A“ im Panorama der Berlinale fragt nach der Strafmündigkeit von Minderjährigen.

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          Zum Auftakt bekommt Jack Burridge ein Geschenk: ein Paar modischer Turnschuhe mit dem Namen „Escape“. Dem jungen Mann soll nach einem Dutzend Jahren Haft in Jugendanstalten und Gefängnissen die Flucht ermöglicht werden. Allerdings ganz legal, denn der englische Strafvollzug setzt auf Resozialisierung - selbst im Fall von Jack, der als Elfjähriger gemeinsam mit seinem Schulfreund Philip eine Klassenkameradin so grausam ermordet hat, dass der Ankläger in seinem Plädoyer forderte, man müsse diese beiden Knaben so lange wie nur möglich wegsperren. Dazu lässt Regisseur John Crowley aus Untersicht auf die Anklagebank schneiden, wo die Füße der beiden Kinder nicht einmal den Boden berühren.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Damit ist alles gesagt über die Frage von Strafmündigkeit von Minderjährigen - und doch auch nichts, denn England hat in den letzten Jahren schlimmere Taten von kriminellen Kindern erleben müssen als Deutschland, und der Frage nach dem Schutz der Gesellschaft vor solchen Delinquenten kann sich kein Gericht entziehen. Jonathan Trigell hat daraus einen Roman gemacht, den Crowley nun fantastisch verfilmt hat: „Boy A“. Der Titel verdankt sich dem Namen, den die Presse während des Prozesses zur Kennzeichnung des Angeklagten gebrauchen durfte, der nun Jack Burridge heißt. Das ist ein Deckname, denn Jack soll wieder in die Freiheit und weit weg von seinem früheren Heimatort eine neue Existenz beginnen. Sein wahrer Name lautet Eric Wilson, und den hatte die Presse nach dem Schuldspruch in aller Munde gebracht.

          Die lebensrettende Tatwaffe

          Eine neue Existenz, das heißt auch keine alten Freunde, keine Familie, keine Vertrauten. Das alles vertritt Terry, der Bewährungshelfer von Jack, der ihn schon im Gefängnis betreut hat. Die Turnschuhe sind sein Geschenk, und somit ist von Anfang an klar, dass hier eine tiefere Beziehung besteht als sonst zwischen Delinquent und Helfer. Terry ist Jacks väterlicher Freund, und Terrys eigener Sohn, der im selben Alter ist wie Jack, fühlt sich darüber vernachlässigt; umso mehr als die Eingliederung des unverändert öffentlich als Monster verfemten Kindermörders ins Erwachsenenleben zu gelingen scheint: Jack findet einen Job, nette Kollegen, eine Freundin, und er rettet sogar einem kleinen Mädchen das Leben - mit dem gleichen Werkzeug, das zwölf Jahre zuvor die Tatwaffe war.

          Andrew Garfield spielt Jack mit einem skeptischen Zögern, als könne er nicht glauben, was ihm da in der Freiheit widerfährt. Doch noch beeindruckender ist die schauspielerische Leistung von Alfie Owen und Taylor Doherty als kindliches Mörderpaar.

          Der einzige wirkliche Erwachsene

          Am überzeugendsten aber ist Peter Mullan als Terry. Der durch Ken Loachs Filme bekannt gewordene schottische Schauspieler setzt in „Boy A“ alles ein, was ein Regisseur sich wünschen kann. Er ist der einzige wirkliche Erwachsene in den hundert Minuten, die der Film dauert, und doch kann er Jack nicht vor der Enttarnung schützen. Milde, Freundschaft, Verzweiflung, Entsetzen - Mullan hat für alle Gefühle eine beeindruckende Interpretation, und man merkt einem Spiel an, wie wohl er sich unter der Regie des theatererfahrenen Iren Crowley fühlt.

          „Boy A“ entstand fürs britische Fernsehen und wurde auf dem Filmfestival von Toronto fürs Kino entdeckt. Dass die Berlinale ihn im Panorama nachspielt, ist eine großartige Entscheidung, die den Mut zu kraftvollen Filmen über die bloße Freude an der eigenen Spürnase setzt. Nicht nur des brandaktuellen Themas wegen hätte dieser Film sich auch im Wettbewerb gut gemacht.

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