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Berlinale-Panorama : Der letzte Sommer des Rock'n'Roll

Als das Land zum Gefängnis wurde: Szene aus „Der rote Kakadu” Bild: Berlinale

Bei der Berlinale und im Kino: Dominik Grafs neuer Film „Der rote Kakadu“ schildert den letzten Sommer des Rock'n'Roll vor dem Mauerbau in der DDR - und leidet dabei unter dem Historikerblick seines Regisseurs.

          Siggi will Kulissenmaler werden. Mit seiner Zeichenmappe unter dem Arm streift er durch den Park. Da sieht er vor einem Pavillon zwei Dutzend Jugendliche stehen, im selben Alter wie er, die zu einer unhörbaren Musik tanzen, mit zuckenden Armen und Beinen, kreisenden Hüften, verzücktem Blick. Es ist Rock'n'Roll. Und es ist Dresden, im Sommer 1961.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Als der Plattenspieler gebracht wird, als der erste Song erklingt, schlägt die Volkspolizei zu. Ein Mädchen, Luise, schlägt einen der Uniformierten mit ihrem Schuh, Siggi zieht sie mit sich fort, beim Wegrennen stolpert sie, die beiden werden eingeholt, ein zweiter, stärkerer Junge, Wolle, taucht auf und schlägt die Verfolger in die Flucht. So lernen sie sich kennen: Siggi, Luise und Wolle, das Trio dieses Films.

          Es geht um Liebe. Und um Ideologie

          Dominik Graf hat schon oft von solchen Liebes- und Freundschaftsdreiecken erzählt, in „Tiger, Löwe, Panther“, in „Spieler“, zuletzt in seinem Fernsehfilm „Die Freunde der Freunde“, aber diesmal meint er es auf eine andere Weise ernst. Es geht um Liebe, aber auch um Ideologie, um Weltpolitik, Generationenpolitik, Kunstpolitik. Im Park ist der Rock 'n'Roll verboten, aber im „Roten Kakadu“ einer Musikkneipe in einem Nobelviertel von Dresden, die zum Zentrum der Geschichte wird, darf er gespielt und getanzt werden, mit ostdeutschem Akzent.

          Es gibt aber auch Polka und Balalaika, die Genossen der Staatssicherheit bekommen ihren Auftritt, der Barkeeper ist ein Spitzel, der verständnisvolle neue Theaterdramaturg ein Stasi-Major. Siggi (Max Riemelt) will an der Theaterhochschule in Leipzig studieren, aber die Freundschaft zu dem handfesten Wolle, der aus Instinkt gegen den Bonzenstaat rebelliert, ist dem Dramaturgen ein Dorn im Auge, der Studientraum platzt, Siggi muß zur Bewährung in die Produktion.

          Und Wolle (Ronald Zehrfeld), der den Vertretern der Staatsmacht im „Roten Kakadu“ buchstäblich ins Glas gepinkelt hat, kommt ins Gefängnis, schließlich wird auch Luise (Jessica Schwarz) verhaftet. Der Prozeß, den man der „Jugendbande“ macht, geht schlimm aus, einer wird beim Fluchtversuch angeschossen, die anderen zerstreiten sich, dem „Roten Kakadu“ werden die Flügel gestutzt. Siggi, von seinen Freunden als Verräter beschimpft, packt seinen Koffer für die Flucht in den Westen.

          Es gibt Wichtigeres in den letzten Wochen vor dem Mauerbau

          Es gibt eine merkwürdige Unentschlossenheit im Zentrum dieses virtuos inszenierten Film (der auf der Berlinale im Panorama gezeigt wird und zugleich an diesem Donnerstag im Kino anläuft). Sie betrifft die Spitze des Liebesdreiecks, das Mädchen. Luise ist mit Wolle verheiratet und durch ein gemeinsames Kriegskinderschicksal verbunden, aber die Gedichte, die sie schreibt, sprechen nur zu Siggi. In einem Film wie Godards „Außenseiterbande“ hätte dieser Zwiespalt das Trio zusammengehalten, hier hängt er über der Geschichte wie eine Wolke. Denn die drei sind ja nicht nur real, sondern auch allegorisch, sie verkörpern drei Spielarten des Individuums im Sozialismus, den Arbeiter, den bildenden Künstler, die Intellektuelle.

          Dominik Graf war immer ein gutes Stück klüger als die Figuren, von denen er im Kino erzählt, und manchmal sogar viel zu klug. Hier spürt man seine Skrupel an der Art, wie er die Konflikte zwischen den dreien immer wieder entschärft. Er könnte sie auf die Spitze treiben, aber es gibt Wichtigeres als Liebe und Eifersucht im Sommer 1961, in den letzten Wochen vor dem Mauerbau.

          Noch immer Angst vor der eigenen Courage

          Alles läuft im „Roten Kakadu“ auf diesen 13. August zu. Mehrmals wird er in Einblendungen angekündigt, in einer Art Countdown, der zu der Geschichte gar nichts beiträgt, denn was passieren wird, liegt ohnehin in der Luft. Aber er bezeichnet ein Problem der Regie. Graf will sich auf seine Figuren einlassen, aber möchte uns auch auf dem laufenden halten. Er traut sich nicht, die Liebe laufen zu lassen, ohne Erklärungen, ohne Inserts.

          „Der Rote Kakadu“, nach einem Drehbuch von Michael Klier und Karin Aström, ist ein wunderbarer Film, solange er auf den Historikerblick verzichtet, aber er verzichtet eben nicht ganz darauf. Und Dominik Graf ist ein wunderbarer Regisseur, aber noch immer hat er Angst vor der eigenen Courage, und diese Angst, scheint es, legt er nur im Fernsehen ab, wenn weniger auf dem Spiel steht. So gewinnt er die kleinen Partien, und die großen gehen unentschieden aus.

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