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Berlinale : Jede Ähnlichkeit ist reiner Zufall

  • -Aktualisiert am

Abermals vereint: Chabrol und Huppert Bild: Berlinale

Im Wettbewerb der Berlinale: Claude Chabrol kommt mit einem feinen Lächeln weiter als die meisten Regisseure mit Zähnefletschen. Und Isabelle Huppert wandelt beinahe vergnügt durch seinen Film.

          Dies ist der Wettbewerb der alten Meister. Während man allen anderen die Anstrengungen ansieht, filmische Ausdrucksformen zu finden, für das, was sie zu erzählen haben, sind Robert Altman und Claude Chabrol offenbar ganz bei sich.

          Sie wissen, wie es geht, und dabei scheinen sie noch nicht einmal unbedingt das Vergnügen der Zuschauer im Blick zu haben, sondern ihr eigenes. Fast stärker als die Freude, die man selbst dabei hat, empfindet man den Spaß, den es den Regisseuren bereitet, auf der Höhe ihrer Kunst zu erzählen und nicht lange um die Gunst des Betrachters buhlen zu müssen. Normalerweise laufen ihre Filme außer Konkurrenz, auch um die anderen vor dem Vergleich zu schützen. Diesmal haben sie sich dem Wettbewerb gestellt, und es kann gut sein, daß eine Jury von all den mehr oder minder erfolgreichen formalen Anstrengungen so entnervt ist, daß sie sich für die schiere Meisterschaft entscheidet.

          Die Affäre als Sprungbrett

          „L'ivresse du pouvoir“ (Geheime Staatsaffären) beginnt mit der Einblendung, daß alle Ähnlichkeiten natürlich rein zufällig wären, und fordert fast spöttisch zum Vergleich mit der Staatsaffäre um Elf-Aquitaine auf, wo sich drei Dutzend Manager in Mitterrands zweiter Amtszeit um über dreihundert Millionen Euro bereichert haben und die Untersuchungsrichterin Eva Joly, die sie zur Strecke gebracht hatte, einige unerfreuliche Erfahrungen mit der Macht machen mußte. Dies alles muß man nicht wissen, denn Chabrol nimmt die Affäre nur als Sprungbrett, statt sich wie viele andere von einer Ähnlichkeit zur nächsten zu hangeln.

          Isabelle Huppert in „L'ivresse de pouvoir”

          Ihm geht es allein um die Heldin, die Untersuchungsrichterin und ihr Verhältnis zur Macht, der eigenen wie der der anderen. Die Figuren, die sie verhört, sind nur Staffage, entweder Hampelmänner oder Strippenzieher, und manchmal genügt schon eine Geste oder ein Bild, um mehr über sie zu erzählen als es anderen in ganzen Charakterstudien gelingt. Einmal sieht man eine Runde von Zigarrenrauchern, die sich dem starken Arm der Richterin entziehen, gesetzte, alte Männer, die sich durch nichts aus der Ruhe ihrer gemeinsamen Diners bringen lassen - und die Tatsache, daß in ihrer Runde ein junges, blasses Bürschchen sitzt und wie von gleich zu gleich redet, sagt schon alles über die Art, wie die Alten weiterhin ungeniert ihre Macht von Generation zu Generation weiterreichen. Daß alle Zigarren rauchen, die sie genüßlich in den Cognac tauchen, ist in dem Fall die zur Karikatur entstellte Wirklichkeit - und nicht umgekehrt.

          Immer neue Facetten

          Dies ist die siebte Zusammenarbeit von Chabrol mit Isabelle Huppert, und immer, wenn man denkt, sie ähnele sich in ihren Rollen ein wenig zu sehr, zeigt sie neue Facetten, die nur weiter zu dem immensen Rätsel beitragen, das diese Schauspielerin darstellt. Sie wandelt beinahe vergnügt durch den Film, läßt mit einer so diabolischen Freude ihre männlichen Gegenüber auflaufen, und ein feines Lächeln genügt schon, um dem Imponiergehabe der Männer die Luft auszulassen. Daß sie dabei nicht merkt, daß auch ihr eigener Mann an ihrer Art langsam zerschellt, gibt dem Spiel um Macht eine andere Tiefe.

          Während man in „L'ivresse du pouvoir“ sitzt, merkt man, wie man durch amerikanische Erzählweisen konditioniert ist, und wie pfiffig sich Chabrol denen immer wieder entzieht, indem er sich nie auf das einläßt, was das Genre von ihm erwartet. Auch er kommt mit einem feinen Lächeln weiter als die meisten Regisseure mit Zähnefletschen.

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