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Berlinale-Interview : „Da fängt die kinematographische Intelligenz an“

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Breinersdorfer: Ich rede vom Team, also von allen Kreativen, nicht nur vom Autor. Ich habe den Eindruck, in Deutschland will man eine Stärkung der Produzenten haben - das und nicht der Autorenfilm ist das Problem. Der Produzent macht keinen genuin kreativen Job. Der Produzent soll einen Film ordentlich herstellen, und das ist ein ehrenwerter und wahnsinnig schwieriger Beruf. Aber er kann nicht allein die Früchte aus dem in Gemeinschaftsarbeit entstandenen kreativen Produkt ernten. Und wenn Sie an Hollywood denken, dann denken Sie bitte auch mal an die dort enorm starken Verbände von Regisseuren, Schauspielern und Autoren, die für gute Gagen sorgen.

Petzold: Das Bild vom Produzenten mit Zigarre wie Erich Pommer, der irgendwo Geld auftreibt oder ins Casino geht, wird von manchen noch simuliert, so wie das Starsystem. Was ich interessant finde, ist, daß sich Produzenten entwickelt haben, wie es manchmal Independent Labels in der Musik gibt, die Leute versammeln und Atmosphäre, Kreativität. Meine Produzenten sind Leute, denen ich mich verwandt fühle, alles ist sehr transparent.

Breinersdorfer: Diese Szene ist halt so vielgestaltig. Ich kenne Produzenten, die haben Serien, die wie Rotz laufen, mit effizienten Organisationsteams, die exakt auf die Zahlen achten, da kommt richtig Geld rüber. Und die jammern am lautesten. Es ist eine Schande, wie wenig gerade von diesen Firmen fürs Kino gemacht wird. Ich denke da oft an den alten Verleger, der mit der Herausgabe juristischer Sachbücher einen Haufen Geld verdient und sich dann eine feine Lyrikreihe leistet, wo er die Autoren ordentlich bezahlt. Warum produzieren die großen Firmen nicht einmal im Jahr einen kleinen oder mittleren Kinofilm mit ihrem Geld und ihren Beziehungen. Aber dieses System der Großfirmen ist so verkrustet und wirtschaftlich mit dem Fernsehen verwoben, daß nicht nur die Independents keine Chance haben, sondern inzwischen auch die mittelständische Produktionswirtschaft Schwierigkeiten hat, sich auf dem Markt gegen die faktischen Monopole zu behaupten.

Findet denn das Kino wenigstens noch auf Festivals statt?

Petzold: Ich bin Filmhochschüler gewesen, und ein Festival war für mich der erste Ort einer Öffentlichkeit außerhalb der Filmhochschule. Man spricht mit Menschen über den Film, ich habe andere Filme gesehen und es gab Kontakte. Und manchmal gerät man da in eine Art Rausch, weil man plötzlich so eine Spur aus den Erzählungen eines Festivals hat. Es gibt plötzlich einen Film, der hat mit dem anderen was zu tun. Man sieht das mit Leuten zusammen, man spricht darüber - und das muß mal Kino gewesen sein! Daß man viele Filme im öffentlichen Raum mit Menschen zusammen gesehen hat und nicht allein zu Hause.

Was erwarten Sie vom Berlinale-Publikum?

Breinersdorfer: Kritische Neugier und Offenheit. Ich habe schon ein mulmiges Gefühl im Bauch, wenn unser Film "Sophie Scholl" gezeigt wird. Ein Stück weit sind wir Filmemacher Masochisten und Exhibitionisten; eine eigenartige Mischung, aber sonst würde man besser bei der Bank arbeiten.

Petzold: Das ist keine falsche Eitelkeit, aber ich denke darüber nicht nach.

Stöhr: In Kuba reden sie mit der Leinwand, in Indien wird geklatscht im Kino, wenn auf der Leinwand getanzt wird. Und in Berlin wird halt viel diskutiert, das ist ja auch eine kulturelle Eigenheit. "One Day in Europe" ist eine Komödie in acht Sprachen. Ich wünsche mir, daß das Publikum den Humor versteht. Natürlich will ich wissen: Was denken die? Das ist es doch, was Festivals ausmacht. Das Kino ist eine Möglichkeit, die Welt zu bereisen. Ich habe aber auch schon Festivalbesucher erlebt, die es super finden, drei Filme zu gucken und dann fragen, wo ist denn hier der nächste Club? Und dann fährt man mit denen in den Osten, macht die Tür auf, Fabrikhalle und Musik bis morgens um fünf oder bis morgens um acht. Das gehört auch dazu.

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