https://www.faz.net/-gqz-nmmk

Berlinale-Interview : „Da fängt die kinematographische Intelligenz an“

  • Aktualisiert am

Petzold: Ich brauche keine hundert Millionen. Der alte Satz der Nouvelle Vague gilt für mich immer noch: Für das Geld eines Rialto-Films drehen wir lieber zehn Filme. Das Teure am Drehen ist ja die Zeit. Mal 60 oder 70 Drehtage haben, mal atmen können - das fände ich viel wichtiger. Die Schere im Kopf hat mit Ökonomie weniger zu tun, sondern damit, daß man mit einem Thema hausieren geht und dieses Thema verfilmt, weil es seinen Tauschwert hat. Das finde ich furchtbar. Wenn man einen Film wie "Elephant" nimmt, der verfilmt ja nicht das Thema Amoklauf in der Schule, sondern er stellt einen Kontext her. Und so etwas kann ich mir in Deutschland zu Erfurt zum Beispiel nicht vorstellen. Wenn ein Fernsehgremium die Konzeption von "Elephant" lesen würde, würden sie sagen: Da geht der Zuschauer nachher mit nichts nach Hause, er bekommt keine Antworten.

Sie haben gerade gesagt, bestimmte Dinge könne man dem Zuschauer nicht bieten. Aber Ihre drei Filme haben alle kein Happy-End, es scheint ja nicht so, daß Sie sich sehr eingeschränkt haben.

Stöhr: Mein Film hat gar kein trauriges Ende ... Ich wollte aber noch was anderes sagen. Das Kino, so wie ich es bis jetzt kennengelernt habe, funktioniert nur über Selbstausbeutung. Wenn man als Autor für einen "Tatort" oder für andere Fernsehprodukte schreibt, bekommt man Wiederholungsrechte. Schreibst du fürs Kino, bekommst du erst mal die Wiederholungsrechte gestrichen, ohne daß die Drehbuchgage höher wird. Wenn "Berlin is in Germany" fünfzehnmal wiederholt wird, sehe ich keinen Cent. Für das Kino in Deutschland zu arbeiten ist wirtschaftlich gesehen uninteressant. Okay, aber Geld ist auch nicht alles...

Breinersdorfer: Kino ist für Drehbuchautoren meistens nicht nur finanziell unattraktiv, sondern auch inhaltlich und vom Renommee her. Wenn man normalerweise fürs Kino schreibt, steht in den Credits: "ein Film von" dem und dem Regisseur oder, noch härtere Variante, "ein Max-Müller-Film". Dann ist der Autor in der Wahrnehmung fast gar nicht existent und kriegt zudem zuwenig Gage. "Sophie Scholl" ist dagegen ein Teamfilm. Das heißt, Rothemund ist als Regisseur das Herz des Films, er hat die meiste Arbeit, bei ihm läuft alles zusammen, aber er ist wie ein guter Mittelfeldregisseur im Fußball, er macht die kreativen Räume auf und bildet sich nicht ein, er müsse jedes Tor selber schießen. Zudem arbeite ich als Produzent am Film mit. Wäre ich nur als Autor dabeigewesen, dann wäre das finanzielle Ergebnis erbärmlich. Irgendwann hat der Film hoffentlich seine Kosten eingespielt: Als Produzent bleiben mir die Rechte an einem Filmnegativ mit allen Auswertungsmöglichkeiten, als Autor bleibt mir nichts. Da ist die Symmetrie falsch. Produzenten leisten unstreitbar viel für einen Film. Doch wir Kreativen leisten mindestens genausoviel. Ohne uns kann kein Film entstehen. Also müssen wir auch an der Auswertung beteiligt sein.

Was Sie jetzt entwickelt haben, diese Einheit von Autor und Produzent, teilweise auch Regisseur/Autor und Produzent, war ja das klassische Modell des Autorenfilms. Und dieses Modell ist in den achtziger Jahren gescheitert.

Weitere Themen

Topmeldungen

Impfzentrum in Gera, aufgenommen Mitte März.

Beschämende Impfbilanz : Das Haus, das Verrückte macht

Die deutsche Impfbilanz ist beschämend, die Kampagne kommt viel langsamer voran als es nötig wäre. Aber die Politiker stört ihr Unvermögen offenbar noch nicht einmal. Darin liegt der eigentliche Affront.
In einem Zimmer einer Intensivstation in einem Berliner Krankenhaus wird ein Patient mit einem schweren Covid-19 Krankheitsverlauf behandelt.

RKI-Zahlen : Knapp 21.700 Neuinfektionen, Inzidenz steigt auf 153,2

Das Robert-Koch-Institut hat in den vergangenen 24 Stunden 21.693 Neuinfektionen und 342 neue Todesfälle registriert. Die Sieben-Tage-Inzidenz stieg auf 153,2. Die Osterfeiertage und Schulferien machen eine realistische Einschätzung der Lage jedoch schwierig.
Im Mittelpunkt der Kritik steht die von Kanzlerin Merkel angestrengte Ausgangssperre.

F.A.Z. Frühdenker : Das Infektionsschutzgesetz bleibt in der Kritik

Opposition und Fraktionen debattieren weiter über die neue Bundes-Notbremse. In New York geht das größte amerikanische Crypto-Unternehmen an die Börse. Die Nato beruft ein außerordentliches Treffen ein. Der F.A.Z.-Newsletter für Deutschland.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.