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Berlinale-Interview : „Da fängt die kinematographische Intelligenz an“

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Petzold: Irgend jemand hatte die Idee, bei Eurimage Geld zu beantragen. Da gibt es ein bestimmtes Punktesystem. Das ist, als ob man eigentlich mit seinem Auto zurechtkommt, aber jemand sagt: "Du könntest Citroen fahren, Vollkasko, wenn du nur diesen Zettel ausfüllst." Wir hätten 21 Punkte gebraucht. Die beiden Hauptdarsteller wären sieben Punkte, Postproduktion in Frankreich wären noch mal vier Punkte - zum Schluß waren wir bei 17 Punkten, da war schon die halbe Produktion nach Frankreich verlegt, und ich hätte noch meinen Wohnsitz nach Straßburg verlegen müssen. Und dann haben wir gesagt: Scheiß auf das ganze Geld. Zum Schluß ist es so wie bei irgendwelchen Tiertransporten, wo man spanische Hühner nach Minden zum Güterbahnhof bringt und dann wieder neu deklariert und nach Spanien zurückfährt. Das erinnerte mich an diese furchtbaren Filme aus den sechziger Jahren, mit Elke Sommer, Gert Fröbe, zwei französischen Schauspielern, dann noch einer aus Spanien und Gina Lollobrigida in einer Nebenrolle, von Rialto-Film und wie die alle hießen, mit Sitz in Paris, Rom, Mexiko, London.

Daß Sie jetzt zwei französische Schauspieler haben, hat keinen französischen Förderungseffekt gebracht?

Petzold: Überhaupt nicht.

Breinersdorfer: Das Thema Subventionswirtschaft im Film hat natürlich zwei Seiten: Ohne die Subventionswirtschaft hätten wir keinen deutschen Kino- Film, aber sie muß sich auf die Förderung des Films als Kunst konzentrieren. Wenn Filme erfolgreich sind, kommen die Wirtschaftseffekte automatisch. Es gehört heute schon zum Know-how junger Filmemacher, die Bedingungen dieser Subventionswirtschaft genau zu kennen, wenn sie den sicheren, aber ausgetretenen Weg des Fernsehfilms verlassen und dann noch selber ins Risiko mit einer Produktion gehen. Ich muß immer lachen, wenn leitende Angestellte von irgendwelchen Konzernfirmen sagen: Ich bin Produzent. Dann frage ich, wieviel Kohle hast du persönlich in deinem Film stecken? Antwort: Null. Wir haben in "Sophie Scholl" viel eigenes Geld investiert, und das machen viele leidenschaftliche Filmemacher in Deutschland, auch indem sie sich endlos ausbeuten. Wenn Sie mal eine Regiegage oder eine Autorengage im Kinofilm nehmen und sie mit dem vergleichen, was im Fernsehen bei Serien gezahlt wird, dann ist Kino ein wahnsinniges unternehmerisches Risiko - auch für Regisseure und Autoren, die selbst nicht produzieren.

Das Problem bei diesem Subventionssystem ist doch gar nicht, was man alles machen kann, sondern die Frage, was man alles nicht machen kann. Wo setzt beim Nachdenken über ein Projekt die Schere im Kopf ein? Wo sagen Sie dann, diese Szene kann ich nicht produzieren, diese Idee kriege ich nicht durch?

Breinersdorfer: Stellen Sie sich vor, ein Autor findet den folgenden Filmanfang hübsch: Rom, Nacht, außen, Rom brennt. Punkt. Kann sein, daß da die Schere schon klick macht.

Petzold: Ich denke, da fängt die kinematographische Intelligenz an. Im Theater geht es doch auch: Da geht einer ans Fenster und sagt: "Rom brennt."

Stöhr: Reduktion heißt ja auch, daß man sich beschränkt auf das Wesentliche. Wenn man etwas in drei, vier oder fünf Sätzen erzählen kann, kann das einer Geschichte auch guttun. Aufwendige Szenen sind oft leicht zu schreiben, aber man muß sie nachher auch noch handwerklich umsetzen. Und wenn man dann nicht das Geld hat dafür, dann fragt man sich, warum habe ich die Szene nicht einfacher geschrieben.

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