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Berlinale : Sandalen und kurze Hosen

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Fassbinder und Schygulla - Darsteller der Ära in „Gegenschuss” Bild: dpa

Das war der Neue Deutsche Film: „Gegenschuss“ erzählt die Geschichte des Filmverlags der Autoren, was er wollte und wie er zerbrach. Die Mehrzahl der Protagonisten ist noch lebendig - doch entgegen jeden Anstands wird über die Toten nicht nur Gutes gesagt.

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          Der Bungalow, eine Kneipe im Münchener Stadtteil Schwabing. Es sind die Jahre vor 1968. Personen der Handlung: Peter Handke, ein junger Schriftsteller. Wim Wenders, ein werdender Maler. Rundherum zahlreiche Persönlichkeiten, die später den „Neuen Deutschen Film“ ausmachen sollten.

          Noch aber geht es um andere Dinge. Wenders muss beim Flippern geschlagen werden. Nur Handke darf „The Kinks“ drücken, in der Jukebox, die mehr als drei amerikanische Singles enthält. Die Popkultur ist jung, Wenders malt ein Bild von Mick Jagger, das Handke später erwirbt (und noch später in den Garten stellt, damit es natürliche Patina bekommt, im Gegensatz zu dem Frontmann der Stones).

          Die Protagonisten der Ära sind noch lebendig

          Aus dieser Welt, in der Stil entscheidend ist und die künstlerischen Disziplinen vollständig durchlässig sind, entsteht um 1967 eine Bewegung, die gemeinsam nur hat, dass sie das Kino als das gemeinsame Leitmedium wählt. Wim Wenders, Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog sind in die Filmgeschichte eingegangen, doch wer kennt heute noch Thomas Schamoni?

          Der Dokumentarfilm „Gegenschuss – Aufbruch der Filmemacher“ ruft eine nahe Vergangenheit wieder in Erinnerung, deren Protagonisten in der Mehrzahl noch lebendig und tätig sind, deren Energie und Vision sich aber als nicht tradierbar erwiesen und in den meisten Fällen nicht einmal für ein konsistentes Lebenswerk ausgereicht haben. Von Fassbinder, der ein enormes Lebenswerk in wenige Jahre packte und 1982 starb, fällt in „Gegenschuss“ der Satz: „Ich glaube nicht, dass ich wieder allein sein könnte.“

          Filmrechte im Dutzend billiger

          Es sind denn auch die Szenen der Gemeinsamkeit, die den utopischen Fluchtpunkt dieser Rückschau auf den „Neuen Deutschen Film“ bilden. Wim Wenders in Cannes 1976, der mit Alexander Kluge zu einer Preisverleihung geht und sich geniert, weil Kluge „in Sandalen und kurzen Hosen“ kommt, dann aber doch stolz auf eine Urkunde ist, auf der beider Namen falsch geschrieben sind. Das Kino war in diesen Jahren die wichtigste Repräsentanz der Bundesrepublik Deutschland im Ausland.

          Ein New Yorker Verleiher erzählt davon, wie er die Rechte für einen Film von Fassbinder erwerben wollte, sich dann noch einige weitere Titel vorführen ließ und sie anschließend mehr oder weniger im Dutzend kaufte, „wie ein Teppichhändler“. Francis Ford Coppola übernahm die Ausfallhaftung für einen Film von Werner Herzog in den Vereinigten Staaten, zu dem das Vertragswerk charakteristische Klauseln enthielt: Die Rechte sollten unbegrenzt „minus einen Tag“ gelten, der Vorschuss betrug einen Dollar.

          Hochbegabte ohne wirtschaftliches Geschick

          Die Anekdote ist bezeichnend für das mangelnde wirtschaftliche Geschick dieser Generation von Hochbegabten, die in die unzulänglichen Strukturen einer Filmkultur gerieten, die ihrem Verständnis nach 1933 abgebrochen war, und versuchten, sich so weit wie möglich unabhängig zu machen.

          Der Filmverlag der Autoren ist folgerichtig das Hauptthema des Dokumentarfilms „Gegenschuss“, wobei die Recherche dabei nicht selten dem eigenen Tun gilt. Laurens Straub, langjähriger Geschäftsführer und (nach Meinung anderer Teilhaber) „Geldvernichter“ in diesem Solidarverbund zwischen Künstlern, stellte während der Dreharbeiten die Fragen, tritt aber auch selbst auf – seine pointierten Charakterisierungen sind nicht die geringste Attraktion dieser spannenden Montage aus Interviews, Archivmaterial und Filmszenen. Im vergangenen Jahr ist Laurens Straub gestorben. „Gegenschuss“, für den Dominik Wessely als Regisseur zeichnet, ist nun auch Nachruf und Vermächtnis geworden.

          Verrat und feindliche Übernahme

          Dass man über die Toten nur Gutes sagen soll, wird dabei nur zum Teil beherzigt. Die Friktionen, unter denen der Filmverlag der Autoren zerbrach, werden deutlich herausgearbeitet. Von „Verrat“ ist da die Rede, von „feindlicher Übernahme“. Während eine Fraktion sich durch „die Schwarzwaldkliniker unter uns“ enteignet sieht, will der damit offensichtlich gemeinte Hark Bohm nur das Geld zurück, das seine Filme eingespielt haben und das ihm statutengemäß zu 50 Prozent zustand.

          Wim Wenders bringt die Sache auf den Punkt, wenn er sagt, dass in den Jahren des großen Erfolgs versäumt wurde, aus einer geschickten Vermarktung der Weltrechte die Kapitalisierung eines Unternehmens zu schaffen, die später von außen durch Rudolf Augstein vom „Spiegel“ erfolgte. Damit begann die lange Odyssee des Filmverlags der Autoren und des entsprechenden Rechtekatalogs. „Gegenschuss“, der bei der Kinowelt herauskommt und Rainer Kölmel ebenfalls unter den Fragestellern bei den Interviews führt, zählt selbst noch zu dieser Geschichte.

          Warum blieb der es nur eine Episode?

          Der Film versucht, so gut es geht, die Fraktionierungen der späteren Jahre zu überbrücken und die unterschiedlichsten Positionen zu integrieren: die „Solidität“ von Hans W. Geissendörfer, der in der „Lindenstraße“ die ihm gemäße Form von Studiokino fand; oder das Weltbürgertum von Peter Lilienthal, der mit Salvador Allende bekannt war und später die sandinistische Revolution in Nicaragua filmisch begleitete.

          Die eigentliche Frage aber kann in dieser Binnenperspektive wohl gar nicht auf das Tapet kommen: Warum musste der „Neue Deutsche Film“ eine Episode bleiben, die heute zwar in historischen Retrospektiven gefeiert wird, dem deutschen Kino der Gegenwart aber weitgehend fremd geworden ist?

          Wenn Fassbinder weint

          Laurens Straub deutet eine Antwort an, wenn er davon erzählt, wie die Regisseure auf Erfolge bei Festivals reagiert haben. Werner Herzog ging an den Strand, schwieg eine halbe Stunde und sagte dann: „Ich glaube, ich bin verstanden worden.“ Fassbinder weinte eine Viertelstunde vor Glück und setzte sich dann in das schönste Straßencafé, in die Auslage. Wenders aber behielt Fassung und sagte: „Männer, wir müssen intelligent reagieren.“

          Vielleicht war es das, was den Aufbruch der Filmemacher so zwingend machte, aber auch so wenig anschlussfähig für die Gegenwart: Intelligenz und Haltung, auch in Sandalen und kurzen Hosen.

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