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Berlinale : Sandalen und kurze Hosen

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Der Filmverlag der Autoren ist folgerichtig das Hauptthema des Dokumentarfilms „Gegenschuss“, wobei die Recherche dabei nicht selten dem eigenen Tun gilt. Laurens Straub, langjähriger Geschäftsführer und (nach Meinung anderer Teilhaber) „Geldvernichter“ in diesem Solidarverbund zwischen Künstlern, stellte während der Dreharbeiten die Fragen, tritt aber auch selbst auf – seine pointierten Charakterisierungen sind nicht die geringste Attraktion dieser spannenden Montage aus Interviews, Archivmaterial und Filmszenen. Im vergangenen Jahr ist Laurens Straub gestorben. „Gegenschuss“, für den Dominik Wessely als Regisseur zeichnet, ist nun auch Nachruf und Vermächtnis geworden.

Verrat und feindliche Übernahme

Dass man über die Toten nur Gutes sagen soll, wird dabei nur zum Teil beherzigt. Die Friktionen, unter denen der Filmverlag der Autoren zerbrach, werden deutlich herausgearbeitet. Von „Verrat“ ist da die Rede, von „feindlicher Übernahme“. Während eine Fraktion sich durch „die Schwarzwaldkliniker unter uns“ enteignet sieht, will der damit offensichtlich gemeinte Hark Bohm nur das Geld zurück, das seine Filme eingespielt haben und das ihm statutengemäß zu 50 Prozent zustand.

Wim Wenders bringt die Sache auf den Punkt, wenn er sagt, dass in den Jahren des großen Erfolgs versäumt wurde, aus einer geschickten Vermarktung der Weltrechte die Kapitalisierung eines Unternehmens zu schaffen, die später von außen durch Rudolf Augstein vom „Spiegel“ erfolgte. Damit begann die lange Odyssee des Filmverlags der Autoren und des entsprechenden Rechtekatalogs. „Gegenschuss“, der bei der Kinowelt herauskommt und Rainer Kölmel ebenfalls unter den Fragestellern bei den Interviews führt, zählt selbst noch zu dieser Geschichte.

Warum blieb der es nur eine Episode?

Der Film versucht, so gut es geht, die Fraktionierungen der späteren Jahre zu überbrücken und die unterschiedlichsten Positionen zu integrieren: die „Solidität“ von Hans W. Geissendörfer, der in der „Lindenstraße“ die ihm gemäße Form von Studiokino fand; oder das Weltbürgertum von Peter Lilienthal, der mit Salvador Allende bekannt war und später die sandinistische Revolution in Nicaragua filmisch begleitete.

Die eigentliche Frage aber kann in dieser Binnenperspektive wohl gar nicht auf das Tapet kommen: Warum musste der „Neue Deutsche Film“ eine Episode bleiben, die heute zwar in historischen Retrospektiven gefeiert wird, dem deutschen Kino der Gegenwart aber weitgehend fremd geworden ist?

Wenn Fassbinder weint

Laurens Straub deutet eine Antwort an, wenn er davon erzählt, wie die Regisseure auf Erfolge bei Festivals reagiert haben. Werner Herzog ging an den Strand, schwieg eine halbe Stunde und sagte dann: „Ich glaube, ich bin verstanden worden.“ Fassbinder weinte eine Viertelstunde vor Glück und setzte sich dann in das schönste Straßencafé, in die Auslage. Wenders aber behielt Fassung und sagte: „Männer, wir müssen intelligent reagieren.“

Vielleicht war es das, was den Aufbruch der Filmemacher so zwingend machte, aber auch so wenig anschlussfähig für die Gegenwart: Intelligenz und Haltung, auch in Sandalen und kurzen Hosen.

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