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Berlinale : Ein Zweikampf braucht keine Moral

Daniel Brühl als Hauptdarsteller in „Nebenan“ Bild: Reiner Bajo

Auf der Berlinale erzählt das deutsche Kino Geschichten von Erich Kästner bis zum 11. September. Der Umgang mit der Sachlichkeit im Film erweist sich dabei als nicht so einfach.

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          Eine Neue Sachlichkeit im Film hat es nie gegeben. Das mag daran liegen, dass das Kino in jener Zeit – als neusachliche Bücher, Bilder und Bauten entstanden – gerade mit dem Übergang vom Stumm- zum Tonfilm beschäftigt war. Es könnte aber auch damit zu tun haben, dass vor der Kamera das Sachliche ohnehin immer den Vorrang hat.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Liebe mag eine Himmelsmacht sein, aber am Ende ist sie eine Sache zwischen Mann und Frau (oder Mann und Mann, Frau und Frau und so fort). Auch Berlin, die deutsche Hauptstadt, ist für viele, die sie nicht kennen, ein imaginärer Ort, aber bei Dominik Graf erscheint sie ganz real als Mischung von Außen- und Innenräumen, die Graf teils in Bautzen und am Berliner Stadtrand gefunden, teils im Studio konstruiert hat.

          Dominik Graf hat Erich Kästners „Fabian“ von 1931 verfilmt, einen Roman, der ein Sittenbild der Weimarer Republik im vorletzten Jahr vor ihrem Untergang zeichnet. Ursprünglich sollte das Buch „Der Gang vor die Hunde“ heißen, doch der Titel gefiel dem Verleger nicht, der auch ein paar Stellen strich, die ihm anstößig erschienen. Vor acht Jahren wurden sie in einer Neuedition gedruckt. Auch Graf hat sie wieder eingefügt, wenn auch teilweise an anderer Stelle. Das ist das Recht des Kinos: Geschichten so zu sortieren, dass sie zu seinen filmischen Formen passen.

          Innere Unordnung

          Aber die Form ist in „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ gerade das Problem. Ein neusachlicher Roman mit apokalyptischen Obertönen lässt sich nicht wie ein Kostümkrimi bebildern. Deshalb sucht Graf in der ersten Stunde seines Films angestrengt nach einer Gegenästhetik zu „Babylon Berlin“. Die Welt, durch die der Dichter und Werbetexter Jakob Fabian (Tom Schilling) dahintreibt, ist ein Hexenkessel aus wirbelnden, brüllenden, tanzenden und oft auch dokumentarischen Bildern. Die innere Unordnung, die Fabian in die Arme von Irene Moll (Meret Becker) und dann wieder ins nächste Variété treibt, spiegelt sich im äußeren Aufruhr der Nackttänze und Straßenschlachten.

          Aber dann kommt plötzlich Ruhe ins Spiel, weil Fabian die Referendarin Cornelia (Saskia Rosendahl) kennenlernt, die mit großer Sachlichkeit ihren Aufstieg zum Filmstar betreibt. Die Liebe funkt dazwischen, die beiden werden ein Paar. Als Fabian Cornelia seinem reichen und vornehm verzweifelten Freund Labude (Albrecht Schuch) vorstellt, der gerade von seiner Geliebten verlassen worden ist, ergibt sich eine Konstellation, die aus vielen Filmen vertraut ist, ein Dreiecksidyll am Vorabend der Katastrophe.

          Aber Kästner wollte auf etwas anderes hinaus, und so muss der Film bald wieder zurück ins Variété, zu Zerrüttung und Gewalt. Dass er dabei, anders als der Roman, die Lovestory nicht aus den Augen verliert, liegt auch daran, dass Saskia Rosendahl und Tom Schilling ein so schönes Paar sind, dass man sich wünschte, Kästner hätte eine andere Geschichte für sie geschrieben. (Das hat er auch, aber es ist nicht „Fabian“.)

          Der Film stolpert ins Gemächliche

          Einmal sieht man Jakob Fabian nach einem Besuch bei Cornelia zwischen den Studiobauten von Babelsberg herumirren. Statt den Ausgang zu finden, gerät er immer tiefer in die Kulissenwelt hinein. Das ist, wie Dominik Graf weiß, die Gefahr jeder Klassikerverfilmung, und deshalb hat er sie in ein starkes Bild gepackt. Aber starke Bilder sind nicht alles im Kino. Es geht, neben den Räumen, auch um Zeit. „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ dauert drei Stunden, und damit stellt sich der Film selbst ein Bein. Er stolpert ins Gemächliche. Er überzieht. Kästner wollte, wie er sagte, seiner Zeit einen Zerrspiegel vorhalten. Grafs Film hält uns ein Panorama vor. Es zeigt viele und vieles. Aber es zerrt nicht an uns.

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