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Berlinale : Die Schrotflinte ist keine Lösung

Kunstvoll kunstlos: Ilka Welz in Valeska Grisebachs „Sehnsucht” Bild: Berlinale

Valeska Grisebach und Vanessa Jopp machen klassisches Kino, aber mit einer Direktheit, die es im klassischen Kino nicht gibt. In ihren Filmen „Sehnsucht“ und „Komm näher“ betreiben sie die schwierige Kunst des scheinbar Kunstlosen.

          Der Ausbruch aus der Fiktion ist zur Zeit die größte Versuchung des Kinos. Es gibt, nicht nur als Reaktion auf die epidemische Ausbreitung digitaler Effekte, bei vielen Regisseuren ein Bedürfnis, die Oberfläche der Geschichten durch Splitter von Wirklichkeit aufzurauhen, Interviews, Reportagebilder, Archivmaterial. Es gibt aber auch Filme, die in die Realität eintauchen, ohne dem Fiktiven sein Recht zu nehmen. Sie machen klassisches Kino, aber mit einer Direktheit, die es im klassischen Kino nicht gibt. Sie betreiben die schwierige Kunst des scheinbar Kunstlosen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Valeska Grisebach und Vanessa Jopp haben zwei solche Filme gedreht. Einen Film, der auf dem Dorf spielt, in der Kleinstadt, und einen Großstadtfilm. Eine Liebesgeschichte. Und eine Geschichte, die in drei Episoden nach dem Wert von Liebe und Freundschaft in der Metropole fragt, nach den Chancen des einzelnen im großen Gemenge. Die Filme sehen sehr verschieden aus, ruhig und lakonisch der eine, hektisch, grobkörnig, impulsiv der andere. Grisebachs „Sehnsucht“ ist auf Zelluloid gedreht, Jopps „Komm näher“ auf Mini-DV. Eine Entscheidung mit Folgen: für die Figuren, die Bewegungen, das Licht.

          Schöne Spannung zwischen Disziplin und Freiheit

          In „Komm näher“ sind die einzelnen Episoden ineinander verflochten. Mathilda (Meret Becker), die sich in einen Polizisten verliebt, ist die Schwester von Ali (Stefanie Stappenbeck), die mit David (Marek Harloff) ein Kind hat, aber in ihrem Beruf als Architektin weitermachen will, was zur Krise führt. Und als David von zu Hause ausbricht, steigt er ins Taxi von Andi, der über eine Kontaktanzeige die scheue Johanna kennengelernt hat, mit deren Tochter er unwissentlich einen Telefonflirt unterhält. Das klingt umständlich, forciert, aber der Film macht es ganz zwanglos plausibel, er schickt seine Protagonisten durch ein winterliches Berlin, in dem der Zufall wie von selbst die Fäden knüpft.

          Zigarettenpause: Meret Becker in Vanessa Jopps „Komm näher”

          Eine Wurstbude, eine Polizeistation, Küchen, Kneipen, Alt- und Neubauwohnungen, das sind die Schauplätze in „Komm näher“, und am Ende hat der Film mindestens ebensoviel von der Stadt erzählt wie von seinen traurigen Helden, die immer wieder über ihre eigenen Füße stolpern beim Versuch, ihr Leben auf die Reihe zu kriegen. Ursprünglich sollte es nur um Einsamkeit und Sex gehen, erzählt Vanessa Jopp, aber dann hätten sich die Figuren selbständig gemacht, erst in einem zweiten Arbeitsschritt entstand das Drehbuch, am Set wurden die meisten Szenen von den Schauspielern improvisiert. „Komm näher“ ist dennoch kein Dogma-Film, seine Struktur und sein Rhythmus verraten ein hohes Formbewußtsein, und in dieser Spannung zwischen Disziplin und Freiheit liegt seine besondere Qualität. Er kommt uns nah, aber er drängt sich nicht auf.

          Ein Fremdling unter den Bilderkanonaden des Wettbewerbs

          Valeska Grisebach ist einen anderen Weg gegangen. Sie hat auf Dorffesten und bei Feuerwehrübungen nach Darstellern für ihren Film „Sehnsucht“ gesucht, mit einem fertigen Skript. Andreas Müller, ihr Hauptdarsteller, ist Karosseriemechaniker, Ilka Welz und Anett Dornbusch, die beiden Frauen, zwischen denen sich der Dorfschlosser Markus entscheiden muß, arbeiten im Krankenhaus und in der Landwirtschaft. Wie man mit Laien dem wirklichen Leben auf die Spur kommt, hat Grisebach schon in ihrem Kinodebüt „Mein Stern“ gezeigt, einer Geschichte unter Berliner Jugendlichen. Diesmal erzählt sie von jungen Erwachsenen auf dem Land, die durch ihr Begehren aus der Bahn geworfen werden. Markus, der Schlosser, ist bei der Freiwilligen Feuerwehr. Bei einem Ausflug nach Rheinsberg lernt er die Kellnerin Rose kennen. Zu Hause wartet seine Frau Ella auf ihn. Er will die Kellnerin vergessen, fährt aber wieder zu ihr. Dann verläßt ihn seine Frau. Er nimmt eine Schrotflinte und zielt auf sein Herz.

          „Sehnsucht“ ist ein Film von entwaffnender Schlichtheit. Es gibt keine Telefone, kein Fernsehen, kein Internet, nur die Magie des Augenblicks, die scheue Intensität, wie sie nur Laien auf die Kinoleinwand bringen können. „Morgen ist alles wie geträumt“, sagt die Kellnerin einmal zu dem Schlosser, und wie geträumt wirkt auch Valeska Grisebachs Film, ein Fremdling unter den Bilderkanonaden des Wettbewerbs. Am Ende erzählen Kinder auf einem Spielplatz das Märchen weiter. So erfahren wir, daß Markus überlebt hat und mit einer der zwei Frauen zusammenwohnt. „Ratet mal, mit welcher!“ Es wird nicht verraten.

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