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Berlinale : Die Logik der Konzerne

George Clooney in „Syriana” Bild: AP

George Clooney sieht plötzlich aus wie ein griechisch- oder zypriotischstämmiger Händler: „Syriana“ ist ein guter Film, aber zu kurz. Der dänische Beitrag „En Soap“ hingegen enttäuscht.

          Irgendjemand hat gezählt, daß die weitflächige Präsenz der deutschen Filme in allen Festivalsektionen immer noch übertroffen wird von der Anzahl der amerikanischen. Annähernd siebzig sollen es insgesamt sein, im Wettbewerb um die Bären laufen drei, und außer Konkurrenz sind es noch einmal vier. Dort läuft auch der Film, dem Berlin in diesen Tagen die Anwesenheit von George Clooney verdankt, „Syriana“.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Clooney ist ein verblüffender Schauspieler, der sich im Augenblick auf kein Rollenfach festlegen läßt. „Syriana“ ist der zweite Ensemblefilm (nach seinem eigenen Regiedebüt, „Good Night and Good Luck“, im vergangenen Jahr), in den er sich einreiht, uneitel, aber mit Methode. Für „Syriana“ hat er dreißig Pfund zugenommen und sieht in dem Film aus wie ein vielleicht griechisch- oder zypriotischstämmiger Händler, der irgendwo eine große Familie hat und dessen Geschäfte nicht ganz sauber, aber auch nicht von ungehemmter krimineller Energie befeuert sind. Er ist aber ein CIA-Agent, und seine besten Tage hat er hinter sich. In gewisser Weise ist er der Held des Films, wenn auch ein erfolgloser. Und einer, den wir über einige Strecken aus dem Auge verlieren.

          Es geht nicht um Drogen, sondern um Öl

          Gedreht hat „Syriana“ Stephen Gaghan, der Drehbuchautor von „Traffic“, und die Erzählprinzipien der beiden Filme sehen einander tatsächlich ähnlich. Diesmal aber geht es nicht um Drogen, sondern mehr oder weniger um alles, also ums Öl. Und damit um ein globales Netz aus unterschiedlichen Interessen und unwahrscheinlichen Allianzen, und um die lokalen Wirkungen von Entscheidungen aus ortlosen Konzernzentralen, anders gesagt - um das Verschwinden von Entfernungen: Wenn in Washington jemand einen Knopf drückt, fliegt in der arabischen Wüste ein Prinz in die Luft, wenn in Texas zwei Ölfirmen fusionieren, verlieren die Chinesen ihre Gas-Drillrechte in Kasachstan.

          Trine Dyrholm und David Dencik in „En Soap”

          Es ist ein komplizierter Film, dem besser folgen kann, wer sich ein wenig in der Geschichte des Mittleren Ostens und in den Funktionsmechanismen der amerikanischen Exekutive auskennt. Es komme nicht oft vor, schrieb ein Kritiker zum Start in den amerikanischen Kinos vor einigen Wochen, daß ein Filmemacher die Intelligenz seines Publikums überschätze, bei „Syriana“ sei dies der Fall. Vielleicht aber ist der Film mit etwas über zwei Stunden immer noch ein bißchen kurz für das, was da vorgeht.

          Überzeugend pessimistische Vision

          Was vorgeht ist etwa dies: Weil eine amerikanische Ölfirma in den Arabischen Emiraten ihre Bohrrechte verloren hat, will sie mit einer anderen fusionieren, die durch Bestechung sich gerade das Recht erkauft, eine Gasleitung in Kasachstan zu legen. Was aus diesem Plan folgt - Entlassungen auf den Ölfeldern in einem fiktiven arabischen Land, ein Beratervertrag zwischen einem Genfer Analysten und einem reformfreudigen arabischen Prinzen, der wider die Erbfolge nicht Scheich wird, ein Waffengeschäft im Iran, eine Folterung in Beirut und auch eine Grillparty in Virginia - ist Kapitalismus ohne jede demokratische Kontrolle in die letzte Konsequenz getrieben. Kein schöner Anblick. Aber eine überzeugend pessimistische Vision.

          Es hilft, daß Gaghan zur besseren Orientierung des Zuschauers die Orte einblendet, über die sich diese Geschichte ausbreitet, und diese Ortsangaben geben uns gleichzeitig ein Gefühl von der unheimlichen Seite der Globalisierung: Teheran; Washington, D.C.; Langley, Virginia; Marbella; Koranschule; Cap d'Antibes; Beirut; Genf; Princeton. Ein weltumspannendes System, nicht von Verschwörung, aber von Gier.

          Die Dänen sind nur mit einem Film im Wettbewerb vertreten, und leider muß man sagen, es ist gut, daß er vorbei ist. „En Soap“ heißt das Spielfilmdebüt von Pernille Fischer Christensen, das am Tag von „Syriana“ für den Qualitätsausschlag ins Tiefgeschoß sorgte. Die Idee, eine verquere Liebesgeschichte in Form einer verfremdeten Seifenoper zu erzählen, wie sich der Film zu Beginn anschickt, ist noch ganz hübsch. Aber dann wird der Film doch nur ein viel zu langes Rührstück voller Wiederholungen, visuellen Ungereimtheiten und psychologischer Nichtigkeit, dafür ohne Dramaturgie und ohne jedes Gefühl für die Zeit, auch die Zeit des Zuschauers. Früher dauerten Filme neunzig Minuten, und es war gut so. Heute dauern die meisten ohne guten Grund länger. Und nur manchmal sind sie dennoch zu kurz, wie „Syriana“.

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