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Berlinale : Der Boden der Berliner Tatsachen

Szene aus Detlef Bucks „Knallhart” Bild: Berlinale

No way out in Neukölln: Detlev Bucks neuer Film „Knallhart“ läuft im Panorama der Berlinale. Es ist ein kleiner, böser, ganz und gar aufgeweckter Film über eine böse und hellwache Stadt.

          Dieser Film hat schon vor seiner Berlinale-Premiere eine Debatte über den Realitätsgehalt seiner Story ausgelöst. Im „Tagesspiegel“ von gestern streiten sich Heinz Buschkowsky, Bürgermeister von Berlin-Neukölln, und der Grünen-Politiker Özcan Mutlu darüber, ob es in ihrem Stadtteil wirklich so aussieht, wie „Knallhart“ behauptet.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Buschkowsky: „Was der Film zeigt, ist authentisch. Das findet auf den Straßen alles statt.“ Mutlu: „Wenn man immer so schwarz malt, wird es auch irgendwann pechschwarz.“ Dann verbeißen sie sich ineinander, der Deutsche und der Deutschtürke, es geht um Jugendkriminalität, Banden, „gescheiterte Bildungsbiographien“, Mutlu fordert eine „Kultur des Willkommens“, und Buschkowsky prophezeit den baldigen Tod von Neukölln. Eine direktere Wirkung kann sich ein Film über Berlin zur Zeit nicht wünschen.

          Ein aufgeweckter Film

          „Knallhart“ beginnt damit, daß der fünfzehnjährige Michael (David Kross) in eine Polizeiwoche läuft, um ein Geständnis abzulegen; in einer langen Rückblende wird dann seine Geschichte erzählt. Diese Rahmenhandlung ist, wie man am Ende merkt, die einzige Schwachstelle in Detlev Bucks Film, denn sie preßt die Handlung in ein moralisches Korsett, das ihr gar nicht paßt. Aber mehr gibt es bei „Knallhart“ wirklich nicht zu meckern, außer vielleicht, daß der Titel schon alles sagt.

          Dies ist ein kleiner, böser, ganz und gar aufgeweckter Film über eine böse und hellwache Stadt, noch nicht ganz „Mean Streets“, aber auch längst nicht mehr „Sommer vorm Balkon“. Ganz nebenbei gelingt „Knallhart“ noch die schauspielerische Auferstehung von Jenny Elvers-Elbertzhagen, und genauso beiläufig erfindet sich Detlev Buck, der lang unter seinem Image als Komödienregisseur gelitten hat, mit diesem Film noch einmal neu.

          Selbstvergessener Proll-Touch

          Am Anfang der Geschichte wird Michael mit seiner Mutter Miriam (der Jenny Elvers einen unaufgeregten, selbstvergessenen Proll-Touch gibt, für den einem nur das abgenutzte Wort „authentisch“ einfällt) aus einer Arztvilla in Zehlendorf hinausgeworfen. Der arrogante Dr. Peters (Jan Henrik Stahlberg aus „Muxmäuschenstill“), der die beiden vor seine Tür setzt, ist das Gesicht des Westberliner Bürgertums, so wie der Schläger Erol (Oktay Özdemir) und seine Gang die Gesichter der Neuköllner Straßen sind, auch wenn die statistische Wahrscheinlichkeit ein paar Bogengrade neben solchen Übertreibungen liegt. „Knallhart“ ist ein Film aus Klischees, aber die Klischees sind auch wahr, so wie die Wohnungen, die Schulhöfe, die Friseursalons und Unterführungen wahr sind, in denen Buck gedreht hat.

          In Neukölln, wo Michael mit seiner Mutter auf dem Boden der sozialen Tatsachen aufschlägt, gerät er rasch in den Teufelskreis aus Schuleschwänzen, Alkohol, Prügeleien, Mackertum und Kleinkriminalität, der auf die weniger Selbstsicheren unter seinesgleichen wartet. Daß Erol, der mit seiner Bande bei den Schülern Schutzgelder erpreßt, Michaels eigentlicher Gegenspieler ist, enthüllt sich erst allmählich. Dafür wird rasch klar, daß Michael bei dem Drogendealer Hamal (Erhan Emre), für den er bald als Kurier arbeitet, genau das findet, was ihm zu Hause und im Klassenzimmer abgeht: Sicherheit, Geld, Anerkennung und eine Aufgabe, bei der er sich bewähren kann. Kein grobes Mißgeschick eines einzelnen führt dann zur Katastrophe, sondern die Ereignisse treiben fast von selbst darauf zu, das Unglück sucht sich gegen alle Widerstände seinen Weg.

          „Knallhart“ ist ein Film in bleichen, wie ausgelöschten Farben, eine Elegie in grellem Grau und Beige, die dennoch nie wehleidig oder gar herablassend wirkt. Detlev Buck, der zum ersten Mal in seiner Regisseurskarriere nicht am Drehbuch beteiligt war (das nach einem Jugendroman von Gregor Tessnow entstand), läßt die Geschichte für sich selbst sprechen, ohne Faxen, ohne gesuchte Bilder, nur mit ein paar surrealen Akzenten am Rand. Es gibt mit Vanessa Jopps „Komm näher“ und Henner Wincklers „Lucy“ noch mindestens zwei weitere neorealistische Berlin-Filme auf dem Festival, aber Bucks „Knallhart“ ist vermutlich der stärkste. Er zeigt, was wir alle längst wissen: daß man die neue gesamtdeutsche Wirklichkeit nur an einem Ort wirklich erwischen kann - in Berlin.

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