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Berlinale : Dämonen der Provinz

Szene aus „Requiem” Bild: AP

Der letzte ist der beste deutsche Film im Wettbewerb der Berlinale: Hans-Christian Schmids „Requiem“ zeigt ohne Voyeurismus die vollkommene Zerstörung einer Persönlichkeit.

          Der Wettbewerb der Berlinale ist vorbei, und erst am letzten Tag kommt mit dem iranischen Wettbewerbsbeitrag „Offside“ von Jafar Panahi ein Kandidat für den Hauptpreis ins Gespräch.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Mangels Alternativen setzten manche bisher auf die Altmeister Altman oder Chabrol, andere auf einen der deutschen Beiträge, und auch Michael Winterbottoms politisches Feelgood-Movie „Road to Guantánamo“ kann als Anwärter gelten, gibt er doch allen Amerika-Gegnern und Friedensfreunden einen bequemen Standort auf der richtigen Seite der Geschichte. Aber überwältigende Kinoerlebnisse bot keiner dieser Filme, und so mag die Jury, falls sie ebenso gelassen und manchmal etwas gelangweilt vor der Leinwand saß, ihre Bären zwischen souverän und unabhängig vom Klischee erzählten Alterswerken und verschiedenen kleinen, vor allem aber: niederdrückenden Filmen verteilen.

          Eine wahre Geschichte

          Möglicherweise auch in irgendeiner Form an „Requiem“, den letzten Film des Wettbewerbs von Hans-Christian Schmid und stärksten Beitrag der Deutschen in der Hauptsektion des Festivals. Schmid nimmt eine wahre Geschichte zum Ausgangspunkt, die sich in den siebziger Jahren in der Gegend um Tübingen zugetragen und in dem amerikanischen Horrorfilm „Der Exorzismus der Emily Rose“ bereits ihre Genreform gefunden hat: die Geschichte einer jungen Frau, die Anfang der siebziger Jahre in einem kleinen Ort im Fränkischen aufwächst, in einem strenggläubigen katholischen Elternhaus, geplagt von der Angst vor immer wiederkehrenden epileptischen Anfällen, die medikamentös immerhin vorübergehend unter Kontrolle gehalten scheinen.

          Gegen den ausdrücklichen und grausamen Willen der Mutter - „Mit deiner Sache!“ ist ihr schwerstwiegendes Argument gegen die Unabhängigkeit der Tochter - beginnt sie ein Studium der Pädagogik in Tübingen, findet dort eine Freundin, tanzt, trinkt und lernt einen Studenten kennen, in den sie sich verliebt. Die epileptischen Anfälle kommen trotz der Tabletten wieder, verbinden sich mit religiösen Wahnvorstellungen, vor denen Michaela, so heißt die junge Frau, sich zu ihrem alten Dorfpfarrer flüchtet. Doch dieser hilft ihr nicht, sondern bringt sie in Kontakt zu einem jüngeren Priester, der Michaelas Wahn ernst nimmt, ihre Identifizierung mit der heiligen Katharina und deren Leiden, die Stimmen, die sie hört und nicht wieder los wird. Und der diese, wie Michaela auch, für eine Besessenheit mit dem Teufel hält. „Gott schickt mir Dämonen“, sagt Michaela. Angesichts des jungen Priesters mag man ihr da zustimmen.

          Nichts für Satansvoyeure

          Schmid beschließt seinen Film mit der Rückkehr der nun ernsthaft kranken und völlig verstörten Michaela in ihr Elternhaus, weil sie die vernünftige Alternative einer Klinik nicht akzeptieren kann. Von den Exorzismen, in deren Verlauf sie wenige Monate später vor Erschöpfung sterben wird, erfahren wir durch ein Schriftbild, nachdem die Spielhandlung abgeschlossen ist. Kein Sensationalismus, keine Ausbeutung des saftigen Themas, keine gruseligen Schauwerte für die Satansvoyeure - Schmid wahrt die Würde seiner Figuren, und in gewisser Weise auch die ihres Glaubens. Und für all dies erlaubt der Regisseur seinen Darstellern, allen voran Sabine Hüller in der Rolle der Michaela, so glaubwürdige Charakterstudien, daß man sie retten möchte aus ihrer Zeit und den Orten, denen sie ausgeliefert ist.

          Wen das alles gar nicht interessiert, der bekommt in „Requiem“ noch etwas anderes: ein präzises Bild nämlich der deutschen Provinz in jenen Jahren, das eine bedrückende, bigotte Welt zeigt, in der sich ein rotes Kleid wie ein Flammenwerfer der Freiheit ausnimmt. Doch auch hier ist Schmids Blick nicht denunziatorisch, sondern von distanziertem Interesse geleitet. Dem gegenüber steht die Unruhe, die von Michaela auf den Zuschauer übergeht, ihre Angst vor erneuten Anfällen, vor den Stimmen, dem Teufel. So vollzieht sich auch formal schlüssig in dem ruhigen Bild der erstickenden Provinz mit hysterischer Wucht die vollkommene Zerstörung einer Persönlichkeit.

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