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Berlinale in der Pandemie : Gala ohne Glamour

Ein Bild aus besseren Tagen: Berlinale-Abschlussfeier im Jahr 2020 Bild: dpa

Im Wettbewerb der großen Filmfestivals ist die Berlinale in den Rückstand geraten. Die Einschränkungen wegen Corona bereiten ihr jetzt zusätzlich Probleme.

          3 Min.

          Wäre es ein normales Jahr, müsste man von einer erwünschten Verschlankung des Festivals reden. 260 lange und kurze Filme will die Berlinale diesmal zeigen, v­erteilt auf neun Sektionen, ein Rückgang um ein Fünftel gegenüber 2020. Die Auswahl wird dadurch kompakter und übersichtlicher, das Hauptprogramm, das allein drei Sektionen mit knapp fünfzig Beiträgen umfasst, könnte ein trainierter Kinogänger in zehn Tagen bewältigen.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Aber dies ist kein normales Jahr. Zum zweiten Mal liegt der Termin der Filmfestspiele mitten in einer Pandemiewelle. Die Berlinale, die erst vor drei Jahren ein neues Leitungsduo be­kom­men hat, kämpft um ihre Existenz. Im vergangenen Jahr hat das Festival im Grunde nicht stattgefunden, denn das „industry event“ Anfang März, bei dem auch die Bären vergeben wurden, war nicht mehr als eine in­ter­ne Filmsichtung für Kritiker und Branchenleute, dem im Juni eine Art Nachklapp („summer special“) unter freiem Himmel folgte. Berlinale-Atmosphäre herrschte bei beiden Ereignissen nicht. Würden die Filmfestspiele ein weiteres Mal abgesagt, etwa weil die Verbreitung der Omikron-Variante in Deutschland außer Kontrolle gerät, stünde das Festival am Abgrund.

          Nur die Hälfte der Sitzplätze wird vergeben

          Doch davon ist vorerst nicht die Rede. Stattdessen bereitet sich die Berlinale auf einen reduzierten Auftritt im Präsenzmodus vor. Ein neues Hygienekonzept soll der Durchseuchung des Publikums vorbeugen, Zutritt zu den Kinosälen gibt es nur für Geboosterte und doppelt Geimpfte mit tagesaktuellem Corona-Test. Nur die Hälfte der Sitzplätze kann besetzt werden, zudem wird das gesamte Festivalprogramm in eine Wo­che ge­presst, anschließend folgen vier Publikumstage mit Wiederholungen. Partys und Empfänge fallen aus, für kurze Auftritte der Stars auf dem roten Teppich wird gesorgt.

          Von Normalität kann also keine Rede sein. Die Berlinale, könnte man sagen, flüchtet vor der Absage in den Ausnahmezustand. Unter diesen Um­stän­den ist es beruhigend, dass das Programm des Wettbewerbs auf den ersten Blick nicht glanzloser wirkt als in den letzten beiden Jahren. Mit François Ozon (dessen Fassbinder-Remake „Peter von Kant“ das Festival am 16. Februar eröffnet), Paolo Taviani, Claire Denis, dem Österreicher Ulrich Seidl und der Schweizerin Ursula Meier ist immerhin eine Handvoll großer Namen vertreten. Aus Deutschland kommen zwei Beiträge, Andreas Dresens Gerichtsdrama „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ und Nicolette Krebitz’ „AEIOU – Das schnelle Alphabet der Liebe“, aus Kanada, China und Südkorea jeweils einer, und das Filmland Indonesien ist mit Kamila Andinis „Nana“ zum ersten Mal im Berlinale-Wettbewerb vertreten.

          Die großen amerikanischen Filme laufen am Lido

          Auch die beiden anderen Sektionen im Hauptprogramm klingen auf dem Papier vielversprechend. Im „Berlinale Special Gala“ haben Isabelle Huppert und Lars Eidinger einen gemeinsamen Auftritt (in Laurent Larivières Film „À propos de Joan“), der italienische Altmeister Dario Argento zeigt „Occhiali neri“, und Maggie Perens „Der Passfälscher“ erzählt von einem Überlebenskünstler im Nazireich. Die Reihe „Encounters“ stellt Dokumentationen von Ruth Beckermann („Mutzenbacher“) und Arnaud des Pallières neben Spielfilme von Bertrand Bonello („Co­ma“) und Peter Strickland („Flux Gourmet“). Die Frage ist, ob das ausreicht, um die Berlinale auf Augenhöhe mit den beiden anderen Weltkinofestivals zu halten.

          Dabei geht es nicht darum, Cannes Konkurrenz zu machen, das auch in einem schwachen Jahr wie 2021 noch von der Aura seines Namens zehren kann. Aber im Duell mit Venedig um den zweiten Platz auf der Rangliste hat die Berlinale Federn gelassen. Die großen amerikanischen Prestige-Produktionen liefen in den vergangenen Jahren fast immer am Lido, zuletzt – unter ähnlichen Hygiene-Auflagen wie in Berlin – Denis Villeneuves „Dune“ und Jane Campions „The Power of the Dog“. Im Programm der Filmfestspiele findet sich nichts Vergleichbares.

          Diesen Rückstand an Glamour hat die Berlinale bislang durch Breitenwirkung ausgeglichen. Sie zeigt nicht nur das Weltkino, sie zieht auch ein Weltpublikum an, das im Februar zu Tausenden in die deutsche Hauptstadt strömt. In diesem Jahr wird es ausbleiben. Aber auch die Berliner Zuschauer müssen sich mit dem halbierten Platzangebot begnügen. Damit verliert das Festival sein Standbein, ohne dass sein Spielbein stärker würde. Denn nur als Massenereignis kann es mit der Konkurrenz mithalten. Die reduzierte Berlinale ist deshalb nur die zweitschlechteste aller möglichen Optionen. Hoffen wir, dass es nicht noch schlimmer kommt.

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