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Berlinale 2005 : Fern von Hollywood

Leuchtturm der Kultur: die Berlinale Bild: AP

Die Berliner Filmfestspiele, die an diesem Wochenende enden, waren ein riesiger Erfolg. Die zehn Tage der Berlinale sind die einzige Zeit im Jahr, in der sich das Kino als ernstzunehmende populäre Kunstform behauptet.

          3 Min.

          Die Internationalen Berliner Filmfestspiele, die an diesem Samstag abend mit der Verleihung eines Goldenen, fünf Silberner Bären und eines „Großen Preises der Jury“ ihren Höhepunkt finden und am Sonntag zu Ende gehen, waren ein riesiger Erfolg.

          Verena Lueken

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Auch wenn von Beginn an eine gewisse Müdigkeit über ihnen lag. Schon vor der Eröffnung wurde das Fehlen großer amerikanischer Produktionen beklagt, das Ausbleiben der Hollywood-Prominenz, die zeitliche Nähe zur Oscar-Verleihung und, wie jedes Jahr, das schauerliche Berliner Februarwetter.

          Keine gute Anfangsmarke

          Der belanglose Eröffnungsfilm, Regis Wargniers Kolonialdrama „Man to Man“, setzte keine gute Anfangsmarke, und tagelang schleppte sich vor allem das Wettbewerbsprogramm von einer Banalität zur nächsten. In den letzten Tagen wurden dann zwar noch einige würdige Preis-Konkurrenten vorgestellt, aber die meisten Berichterstatter ließ der Eindruck nicht los, Dieter Kosslick habe nach vier Jahren Berlinale-Leitung das Glück verlassen.

          Das ist nicht gerecht und auch nicht ganz richtig. Ein Festival kann nur so gut sein wie das Filmjahr, und die Berlinale ist - sieht man von den amerikanischen Filmen ab, die bei der Oscar-Verleihung am kommenden Sonntag eine Rolle spielen werden und in Berlin fehlten - das erste große Schaufenster in das beginnende Kinojahr.

          Weil bei den Einladungen ins Wettbewerbsprogramm alle möglichen filmpolitischen Rücksichten zu nehmen und Gefälligkeiten auszutauschen sind, was man den Leitern aller europäischen Filmfestivals immer wieder zu Recht und immer wieder folgenlos vorwerfen mag, sah die Konkurrenz in Berlin entsprechend aus: Fünf Franzosen - vielleicht bekommt ein Deutscher dafür eine Gegeneinladung nach Cannes - und drei Deutsche unter zweiundzwanzig Wettbewerbsfilmen zeichneten sicherlich ein verzerrtes Bild der weltweiten Verhältnisse im Filmgeschäft. Doch die Auswahl in den verschiedenen Sektionen des Programms neben dem Wettbewerb gab einen recht zuverlässigen Eindruck vom Zustand der Filmproduktion in Ländern, aus denen wir in Deutschland nur noch selten etwas zu sehen bekommen.

          Eine lebendige Kinokultur

          Und darin nun liegt der große Erfolg fast jeder und auch dieser Berlinale, sei der Wettbewerb stärker oder schwächer besetzt: Zehn Tage lang zeigte sich in Berlin eine lebendige Kinokultur, zu der neben den Filmen die Filmtheater und vor allem das Publikum gehören. Eine Kultur, so muß man leider sagen, die von Sonntag abend an für ein Jahr wieder aus Deutschland verschwinden wird.

          Das große Kinoschließen wird trotz im Jahr 2004 gestiegener Besucherzahlen weitergehen, wie ein Großverleiher bekanntgab. Offenbar kann eine Welle erfolgreicher deutscher Filme, die im Ausland schon als „Neuer deutscher Film“ etikettiert worden ist - anscheinend in der Annahme, der „Neue deutsche Film“, für den Namen wie Fassbinder, Schlöndorff, Wenders und andere standen, sei inzwischen solide vergessen -, daran nichts ändern.

          Eine Schande für das Land

          Nach Ende der Berlinale werden diese Filme, vor allem die zahlreichen erschütternden, bemerkenswerten, lehrreichen oder mindestens interessanten Dokumentarfilme, die im Festival zu sehen waren, in keinem deutschen Kino zu finden sein, sowenig wie die kleinen Produktionen aus China, der Mongolei, der Ukraine, Kroatien oder Korea oder die Kurzfilme, die die langen Spielfilme nicht selten durch ihren Witz und ihr technisches Raffinement ausstachen. Kurz, die zehn Tage der Berlinale sind die einzige Zeit im Jahr, in der sich das Kino in Deutschland als ernstzunehmende, wichtigste, entsprechend gepflegte und angemessen präsentierte populäre Kunstform behauptet. Für das Festival ist das Grund genug, stolz zu sein. Für das Land ist es eine Schande.

          Die Filmfestspiele in Berlin zeigen, daß der erbärmliche Zustand der deutschen Kinokultur, die Monotonie des Programms, die Verwahrlosung vieler Kinosäle, die oft unzureichende Projektion oder wummernde Klangqualität sich nicht damit erklären lassen, daß das Publikum sich vom Kino abgewandt habe und, wenn es sich doch einmal zum Kinobesuch aufraffe, nichts sehen wolle als Mainstreamware. Die Berlinale ist ein Zuschauerfestival. Sie gibt also auch Auskunft über das öffentliche Interesse am Medium und an der Aktivität „Ins Kino gehen“.

          Schlangen vor dem Kartenkiosk

          Die DVD, auf der viele Filme, die nie auf eine Leinwand kamen, eine Heimat gefunden haben, hat offenbar die Lust an der Öffentlichkeit des Kinobesuchs nicht getilgt. Zwar liegen die aktuellen Besucherzahlen noch nicht vor, doch auch in diesem Jahr war ein großer Teil sämtlicher Vorstellungen des Festivals ausverkauft, im Wettbewerb und auf allen anderen Programmschienen. Im Vergleich mit den Schlangen, die sich von zwei Seiten vor dem Kartenkiosk im S-Bahnhof Potsdamer Platz täglich bildeten, war die Menge, die auf den Popstar George Michael wartete, ein Häuflein.

          Stars müßten her, damit die Berlinale im Wettbewerb mit den anderen europäischen A-Klasse-Festivals, mit Cannes und Venedig, mithalten könne. Das war die am häufigsten geäußerte Kritik am Festivalleiter Kosslick, und spätestens als einer der Hauptsponsoren der Berlinale sich bemüßigt sah, ebenfalls eine entsprechende Programmplanung zu fordern, mußte man sich auf Kosslicks Seite schlagen. Einerseits ist natürlich richtig, daß ein Festival auch von der Anwesenheit der Stars lebt, für die Millionen Menschen überall in der Welt in die Kinos gehen. Die Berlinale ist keine Programmkino-Veranstaltung, sondern neben einem Festival auch ein Filmmarkt, ein bedeutender dazu.

          Andererseits zeigt das Interesse der internationalen Presse, die tausend Journalisten mehr nach Berlin schickte als im letzten Jahr, nämlich 3600, daß die Berlinale auch ohne Hollywood und mit nur mäßigem Glamour die Bandbreite des Kinos von der multinationalen Großproduktion zum palästinensischen Kurzfilm in sich vereinigt und damit der einzige Ort bleibt, an dem das Publikum all die Filme sieht, von denen es heißt, sie fänden in Deutschland keine Zuschauer.

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