https://www.faz.net/-gqz-8d8dy

Begegnung mit Jonas Mekas : Das Gedächtnis des Kinos

Jonas Mekas vor den Türen der Anthology Film Archives in New York City Bild: Kai Nedden

Der wahre Litauer ist Bauer, auch wenn er Dichter, Philosoph und Filmemacher ist wie Jonas Mekas. Sein New Yorker Archiv bewahrt vergangene Momente, als Keime für Künftiges. Eine Begegnung.

          Ein Mann kommt nach New York. Er kommt mit dem Schiff, wie Hunderttausende andere aus ganz Europa, die in den D.-P.-Camps im kriegszerstörten Deutschland darauf gehofft hatten, irgendwo auf der Welt eine Zukunft zu finden. Viele von ihnen wollten nach New York, und alle, die an jenem 28. Oktober 1949 mit der „General Howze“ in den Hafen einfahren, begrüßen die Stadt überglücklich: „Wir standen an Deck, und wir starrten. 1352 Displaced Persons starrten auf Amerika. Ich starre immer noch darauf, in meiner retinalen Erinnerung. Weder das Gefühl noch das Bild kann man jemandem beschreiben, der es nicht selbst erlebt hat. All das Kriegs- und Nachkriegs-D.-P.-Elend, Verzweiflungen und Hoffnungslosigkeit, und auf einmal stehst du einem Traum gegenüber.“

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          So hat Jonas Mekas es in sein Tagebuch geschrieben. „I had nowhere to go“ heißt es, ist 1991 in dem kleinen Verlag Black Thistle Press erschienen und längst vergriffen. Er hat es mir geschenkt, als wir uns kürzlich in New York trafen, und ich bin mir nicht sicher, ob er damit gerechnet hat, dass ich es lese. Mekas ist ein Mann der Gegenwart und Zukunft. Immer ein Avantgardist, der eine Weile Angst hatte, die Erinnerungen an die Heimat, an das, was verloren war, könnten verhindern, dass sich neue Erinnerungen festsetzen. „Mir scheint, die einzige Richtung meines Leben ist vorwärts. Aus Angst, die Vergangenheit könnte mich einholen“ steht auf einer der letzten Seiten seines alten Buchs, dessen allerletzter Satz dann aber der Erinnerung an seine Mutter gilt: „I could feel everything like then and there, every smell and color and the blue of the sky ... I was sitting there and trembling with memory.“

          Er trägt immer noch die Bauernkleidung seiner Heimat

          Mekas ist ein ungewöhnlich freundlicher Mann, ein wenig melancholisch, ein wenig ironisch, wach und aufmerksam und neugierig. Wir hatten uns über die Zukunft der Anthology Film Archives unterhalten, die er mit seinem Bruder Adolfas (der 2011 starb) 1970 gegründet hatte, seit damals ein Ort für unabhängige Filmemacher und Experimentalfilmer, wie er selbst einer ist, eine Institution, berühmt weit über New York hinaus. Eine „Kathedrale der Avantgarde“, wie sie genannt wird. Nun sind sie in ihrem Bestand gefährdet, weil das Geld kaum reicht.

          Dazu gab es jahrzehntelang die Zeitschrift „Film Culture“, in der über das, was die Avantgarde filmte (oder inszenierte, schrieb, malte, tanzte), philosophiert wurde, aber Mekas hat auch anderswo geschrieben, jahrelang seine Kolumne „Movie Journal“ in der „Village Voice“ etwa. In seinem Buch „Scrapbook of the Sixties. Writings 1954-2010“, das im Dezember herauskam (bei Spector Books, Leipzig), sind viele dieser Texte versammelt, darunter herrliche Anekdoten, etwa darüber, wie er mit Unterstützung von Harold Pinter 1964 einen verbotenen Jean-Genet-Film von Paris nach New York schmuggelte.

          Aber Anekdoten sind nicht der Kern des Werks von Jonas Mekas. Fragmente des Lebens sind sein Kern, Fragmente, die atmen wie der Mann, der die Handkamera führt, wenn es sich um Bilder handelt, Fragmente einer Beobachtung, die einem Gedanken eine Richtung geben in seinen Schriften. Sketche aus der Vergangenheit in die Zukunft hinüberzuretten, so etwa hat er seine Arbeit einmal genannt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Annegret Kramp-Karrenbauer am Samstag beim feierlichen Gelöbnis neuer Rekruten zusammen mit Eberhard Zorn, Generalinspekteur der Bundeswehr

          Annegret Kramp-Karrenbauer : Mehr Unterstützung für die Ministerin, bitte!

          Als Parteichefin hat Kramp-Karrenbauer schwere Wahlkämpfe vor sich. Gleichzeitig will sie ihr Ministerium und die Truppe besser kennenlernen. Eine kaum zu bewältigende Aufgabe. Sie verdient dabei Unterstützung – gerade aus der Bundeswehr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.